Die Geschichte von Wispy und Timo geht auf meiner neuen Webseite weiter

https://seiltanzdergedanken.ch/

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Die lange Nacht

-14-

Den Anfang verpasst? Hier geht’s zum ersten Teil.

Buddy wollte weder bei mir bleiben noch gestreichelt werden, sondern ging unruhig im Zimmer auf und ab. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Von Zeit zu Zeit heulte er kurz auf. Mit uns sass ein junges Pärchen mit zwei Ratten, von denen die eine nervös an ihren Käfigstangen nagte und  die andere ständig quiekte,  im Wartezimmer. Nebenan konnte man Destiny winseln hören. Buddy kratzte an der Verbindungstür, er wollte zu Timo. „Bleib bei mir, gleich wirst du abgeholt und darfst raus. Destiny braucht jetzt ihre Ruhe“, versuchte ich ihn erfolglos zu beruhigen. Es lag eine Spannung in der Luft, die man fast mit Händen greifen konnte. Meine eigene Nervosität beim Gedanken, dass gleich Timos Vater auftauchen würde, half auch nicht gerade. Schliesslich nahm ich Buddys Leine: „Komm, wir warten draussen auf Gian-Luca.“

Kaum waren wir im Freien, klingelte mein Handy. Samira! Ich nahm den Anruf entgegen und obwohl mich niemand hören konnte, flüsterte ich unwillkürlich. Samira schien dies nicht zu bemerken. „Diese Dawn ist ja vielleicht eine harte Nuss“, rief sie. Sie tönte höchst entrüstet. Offenbar hatte ihr Plan nicht nach Wunsch funktioniert. „Jetzt verstehe ich den Ausdruck „eine kühle Blonde“, fuhr sie fort. „Da holst du dir ja glatt eine Erkältung. Steht da, schaut mich an mit ihren unglaublich blauen Augen und sagt: „Wirklich, eine ehemalige Nachbarin sind Sie?“ Sie hat mich nicht geduzt, was das Ganze sehr peinlich machte, ich selbst konnte wohl nicht mehr zurück zur Höflichkeitsform. „Komisch, ich vergesse nie ein Gesicht und Ihres hab‘ ich noch nie gesehen“, fuhr sie fort.  Ich zog all meine Schauspielregister. „Es ist lange her, ich habe mich sicherlich verändert und natürlich war mein Haar damals noch nicht weiss“, versuchte ich es lachend herunterzuspielen. „Wir hatten nicht sehr viel Kontakt, es ist verständlich, dass du mich vergessen hast.“ Sie glaubte mir ganz offensichtlich kein Wort. Also erzählte ich die Geschichte vom Neffen, der in einer ähnlichen Situation sei wie Timo damals und dem ich gern helfen würde. Dawn nahm einen Zettel aus der Handtasche und kritzelte einen Link hin. „Diese Webseite beschäftigt sich mit dem Thema auf gute, hilfreiche Weise. Ich kann Ihnen nicht zwischen Tür und Angel Ratschläge geben, zudem liegt jeder Fall anders.“ Das war’s! Nach der Yogastunde fing sie demonstrativ ein Gespräch mit einer anderen Frau an und ignorierte mich. Die Webseite gibt vor allem Anleitungen, wie man ein Kind altersgerecht mit seiner Geschichte bekannt macht. Timo weiss also bestimmt, dass Dawn nicht seine richtige Mutter ist. Es tut mir leid, dass ich nicht mehr erreichen konnte.“ Ich dankte Samira und verabschiedete mich schnell, denn ich sah aus dem Augenwinkel, wie ein Auto auf den reservierten Parkplatz des Tierarztes fuhr. Es war Timos Vater, ich erkannte ihn sofort von den Fotos her. Ein attraktiver, kräftiger Mann mit kurzen, grauen Locken und einer markanten Nase. Kaum hatte er die Autotür geöffnet, klingelte sein Handy. Er nahm es aus der Hosentasche und hörte einen Moment lang schweigend zu, dann schloss er die Tür wieder. Offenbar stellte er sich auf ein längeres Gespräch ein. Ab und zu schaute er zu uns herüber. Buddy hatte ihn noch nicht entdeckt, er schnüffelte und pinkelte ausgiebig in der Wiese neben der Praxis herum. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. „Bestimmt ist Dawn am Apparat, die ihm von der Begegnung mit der taktlosen Samira erzählt“, dachte ich. „Und wenn er mich jetzt ansieht, weiss er sofort, dass dies mit mir zu tun hat. Ich habe sicherlich einen ganz roten Kopf bekommen.“

Schliesslich stieg Gian-Luca aus dem Auto und gleichzeitig kam Timo aus dem Haus. „Dachte ich doch, dass ich dein Auto vorfahren hörte“, rief er seinem Vater zu. Buddy schoss um die Ecke, winselte vor Freude und rannte zwischen den beiden Männern hin und her. „So enthusiastisch kenne ich ihn gar nicht“, sagte ich zu Timo, nachdem wir uns begrüsst hatten. Der tätschelte seinen vierbeinigen Freund. „Er kann schon, wenn er will, er ist nur nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen. Doch die Aufregung in der Praxis hat ihm aufs Gemüt geschlagen. Du bist sehr mitfühlend, nicht wahr, Buddy?“ „Auch das nur, wenn er will“, behauptete Gian-Luca, der unterdessen sein Gespräch beendet hatte und zu uns gestossen war. Timo stellte uns vor. Bildete ich es mir ein oder musterten mich Gian-Lucas Augen misstrauisch? Jedenfalls war die Begrüssung bei weitem nicht so herzlich, wie ich sie von einem gebürtigen Italiener erwartet hätte.

Vater und Sohn wechselten ein paar Worte, während sie Buddy, der bereits ins Auto gesprungen war, mit einem Hundegurt sicherten. Dann gingen Timo und ich zu Destiny zurück. Die Hündin lag in einer grossen Box, die mit Tüchern ausgelegt war und fiepte und hechelte unruhig. Lola war bei ihr, wurde jedoch gleich wieder im Behandlungszimmer gebraucht. Destiny beachtete mich nicht, sondern drängte sich in Timos streichelnde Hände. Ihr Bauch war in den letzten Tagen richtig prall und fast kahl geworden.  Die meisten Haare waren ausgefallen, um den Weg zu den Zitzen freizumachen.   „Obwohl der Doktor sie mit Infusionen aufgepäppelt hat, ist Destiny noch nicht wirklich stark genug für eine lange Geburt. Wir hoffen, dass es schnell geht, wenn die Austreibungsphase beginnt. Wahrscheinlich wird sie 3, höchstens 4 Welpen gebären. Die Eröffnungsphase hat erst vor etwa 8 Stunden angefangen, es kann also noch eine Weile dauern. Wir sollen den Doktor rufen, falls sie erbricht, vorzeitig Fruchtwasser verliert oder nochmals ins Freie will. Im letzteren Fall müssten wir aufpassen, dass sie uns nicht entwischt. In dieser Phase rennen Hündinnen manchmal weg“,  informierte mich Timo. „Destiny versteht nicht, was mit ihr passiert, da sie zum ersten Mal gebärt. Sie ist nervös und unruhig, ich kann nicht richtig mit ihr kommunizieren. Gleichzeitig will sie auf keinen Fall, dass ich auch nur einen Schritt von ihr weggehe, ausser Lola löst mich ab.“

Ich war froh, dass in diesem Moment der Doktor ins Zimmer kam und die Hündin untersuchte. „Es hat sich noch nicht viel verändert“, meinte er, „bis die Presswehen beginnen, kann es noch dauern. Ich hoffe nur, dass Destiny genug Kraft hat für die Geburt. Unser Wartezimmer ist endlich leer, wir können die Praxis für heute schliessen. Ist es in Ordnung, wenn Lola und ich etwas essen gehen und uns frisch machen nach diesem langen Tag? Falls etwas Ungewöhnliches passiert, ruft an und wir sind sofort da.“ Natürlich waren wir einverstanden, ja, wir drängten die beiden, sich für eine Weile hinzulegen oder zumindest auszuruhen. Mir entging nicht, dass Lolas Gesicht eine feine Röte erhalten hatte. Lilly hatte offenbar Recht, da lief etwas mit dem Doktor. Ich lächelte ihre Schwester an, bestimmt freundlicher denn je zuvor. Diese realisierte, was ich dachte, wurde noch verlegener und warf Timo einen schnellen Blick zu, den dieser jedoch nicht bemerkte.

Dann waren wir allein im Haus. Zum ersten Mal, seit ich Timo kannte, konnte ich seine Gegenwart nicht einfach unbeschwert geniessen. Er schien es nicht zu merken und erzählte mir begeistert vom Aussengehege, welches sie für die Hündin und ihre Jungen gebaut hatten. „Sie haben ein grosses, überdachtes Holzhaus bekommen. Patrick und Johanna haben gepolsterte Hundebetten spendiert und ich habe all das Spielzeug gebracht, welches ich im Laufe der Zeit für Buddy gekauft habe. Das meiste hat er sowieso nicht mal angeschaut. Am Anfang sind die Welpen ohnehin fast nur im Haus. Wir durften eine ganze Ecke des Wohnzimmers für sie einrichten. Das haben wir dir zu verdanken.“ Er drückte meinen Arm und fuhr fort: „Ich würde zu gern wissen, wie du Mona dazu überreden konntest.“ Nun erst merkte Timo, dass ich bisher nicht viel gesagt hatte. Er blickte mir prüfend ins Gesicht. „Dich beschäftigt etwas, doch du willst es mir nicht erzählen.“ Wie immer hatte er mich sofort durchschaut. Ich nickte und versuchte, nicht an Mona, Dawn oder Samira zu denken. Es gelang mir natürlich nicht. Also erhob ich mich vom Stuhl und kauerte mich zu Destiny auf den Boden. Ich fasste in ein nasses Fell. „Ich glaube, sie verliert gerade Fruchtwasser“, rief ich und da schob sich auch schon die erste Fruchtblase langsam aus dem Körper der Hündin. „Ruf den Doktor, schnell, der Welpe kommt mit dem Hintern zuerst zur Welt“, drängte ich  voller Angst. Timo nahm sein Telefon und wählte die Nummer, beruhigte mich jedoch gleichzeitig: „Dies ist bei Hunden nicht unüblich, die Geburt darf nun bloss nicht allzu lange dauern.“ Es brauchte jedoch noch einige Presswehen, bis Destiny ihr erstes Junges ganz zur Welt gebracht hatte. Da war Lola bereits bei uns. Sie half der erschöpften Hündin, die Fruchtblase des Welpen zu öffnen und rieb den Kleinen mit einem Lappen kräftig ab, da Destiny ihn nicht energisch genug leckte, um die Atmung anzuregen. „Es ist ein kleiner Rüde, schwarz mit weissen Füsschen“, lachte Timo, „was hatte der wohl für einen Vater?“ Unterdessen war auch der Doktor da und so ging ich allen aus dem Weg und setzte mich auf einen Stuhl. Meine Knie waren plötzlich weich geworden.

Eine Stunde lang passierte nichts mehr. Der Welpe hatte getrunken und maunzte leise vor sich hin. Destiny leckte ihn hin und wieder und stupste ihn mit der Schnauze, doch manchmal schien sie einzuschlafen. „Meistens werden die Welpen in kürzeren Abständen geboren, doch es kann vorkommen, dass sich die Mutter zwischendurch ausruhen muss, vor allem wenn es ihre erste Geburt ist“, erklärte uns Lola. Dann ging es plötzlich schnell, gleich zwei  weibliche Babys kamen hintereinander zur Welt. Wieder brauchte die Mutter Hilfe beim Öffnen der Fruchtblasen. Timo und Lola massierten je eines der Kleinen mit einem Lappen, bis sie selbständig atmeten. Auch die beiden Schwestern waren schwarz mit weissen Beinchen. Sie wurden gewogen, dann durften sie zu ihrer Mutter. Wir konnten uns nicht satt sehen an den tapsigen kleinen Fellknäueln, die übereinander purzelten auf der Suche nach der nächsten freien Zitze. Als sie getrunken hatten, untersuchte der Doktor Destiny. „Da sind bereits die Nachgeburten“, sagte er zufrieden, „und es wartet ein letztes Hundebaby darauf, zur Welt zu kommen. Ich hoffe, dass die Mutter noch genügend Kraft aufbringt für diese Geburt.“ Zwei Stunden vergingen, ohne dass die Hündin nochmals presste. Sie schien sehr mitgenommen. Wir boten ihr frisches Wasser und Futter an, doch sie nahm nur wenig zu sich. „Das Kleine liegt richtig und es lebt“, sagte der Doktor nach einer weiteren Untersuchung, „doch nun sollte es vorwärts gehen, sonst muss ich einen Kaiserschnitt in Erwägung ziehen. Ein wehenanregendes Mittel habe ich bereits ohne Erfolg gespritzt.“ Da stand Destiny auf, ging auf unsicheren Beinen zur Tür und wollte offenbar ins Freie. „Sie wird ihr Geschäft erledigen müssen“, meinte Lola. Und zu mir und Timo: „Geht ihr beide raus mit ihr? Leint sie unbedingt an und vergesst nicht die Taschenlampe und eine Decke mitzunehmen. Ihr müsst genau sehen, was sie da draussen macht.“ Dies war leichter gesagt als getan. Destiny schätzte es gar nicht, dass wir sie an der kurzen Leine hielten. Erst nach einigem Zerren gab sie auf, hockte sich hin und pinkelte lange. Wir waren bereits wieder im Treppenhaus vor der Praxistür, als sie aufjaulte, sich hinkauerte und ihren letzten kleinen Welpen gebar. Ich konnte gerade noch die Decke unter ihren Körper schieben. Der Doktor und Lola hatten uns gehört und waren bereits da, um beim Öffnen der Fruchtblase und dem Abnabeln zu helfen. Doch das winzige Fellbündel blieb reglos. Ich führte Destiny zu ihren anderen Jungen und ging zurück in den Behandlungsraum. Lola hatte Tränen in den Augen, während der Doktor vorsichtig Schleim aus der Nase des Hundebabys absaugte und aus seinem Mund wischte. Es war goldbraun gelockt wie die Mutter und atmete noch immer nicht. „Ein Rüde“, flüsterte Lola. Der Doktor schaute uns an und schüttelte langsam den Kopf, während er nochmals versuchte, den Kreislauf des Kleinen durch rubbeln mit einem Tuch anzuregen. „Lass es mich versuchen“, sagte Lola plötzlich, beugte sich über das Hundebaby und blies ihm ganz sachte etwas Luft ins Näschen. Dazu presste sie sanft zwei Finger auf seinen Brustkorb. Sie wiederholte dies einige Male, während wir anderen vor Anspannung den eigenen Atem anhielten. Endlich löste sich ein Seufzer aus dem winzigen Mund und der Welpe fing an zu röcheln. Kleine Bläschen bildeten sich an den Nasenlöchern, die der Doktor vorsichtig abwischte. Wir trugen den Kleinen zu seiner Mutter, die ihn unerwartet energisch ableckte. Offenbar waren ihre Lebensgeister zurückgekehrt. Nur Minuten später nuckelte der Nachzügler zufrieden an einer Zitze und wir konnten aufatmen.

„Zum Glück hat Destiny ihre Jungen so gut angenommen, dies ist bei unerfahrenen Müttern nicht immer der Fall“, sagte Timo nachdenklich und ich warf ihm einen schnellen Blick zu, den er nicht beachtete. Ich fragte mich, was in seinem Kopf vorgehen mochte. Wir hatten dem Doktor und Lola angeboten, für den Rest der Nacht bei Destiny zu bleiben, damit sie beide sich ein paar Stunden hinlegen konnten. Wir wollten die neue Familie nicht allein lassen und vor allem das letztgeborene Junge beobachten. Doch der Doktor war schon zwei Stunden später wieder in der Praxis und meinte, er hätte ohnehin noch einiges für den Tag vorzubereiten. „Geht nach Hause“, sagte er zu uns. „Danke für eure wunderbare Hilfe, doch nun kann ich wieder übernehmen. Ihr müsst unterdessen todmüde sein.“

Zwar spürte ich tatsächlich Müdigkeit bis in die Knochen, doch gleichzeitig war ich hellwach. Draussen dämmerte der Tag mit erstem Herbstnebel. Die Umgebung sah unwirklich aus, irgendwie mystisch und passte zu meiner Stimmung. Timo und ich sahen uns an und ich ahnte, dass er sich genauso fühlte wie ich mich. „Könntest du jetzt schlafen?“ fragte er. Ich schüttelte den Kopf. „Weisst du was?“ schlug er daraufhin vor, „wir kaufen uns Kaffee und Frühstück am Bahnhof und nehmen die erste Bahn auf den Uetliberg. Mit etwas Glück sind wir dort über dem Nebel und sehen den Sonnenaufgang.“ Ich war sofort einverstanden. Im Zug sahen wir ausser dem Personal des Hotels Uto Kulm mehrere Leute mit Fotoapparaten und Stativen. Dies liess uns hoffen, dass wir es über die Nebelgrenze schaffen würden. Und tatsächlich: hinter der grauweissen Schicht, die wie Watte aussah, dämmerte bereits ein prächtiger Morgen und zeichnete helle Streifen an den Himmel. Wir setzten uns bei der Aussichtsplattform ins Gras und assen schweigend unser Frühstück. Ich spürte, wie die Anspannung der letzten Stunden von mir abfiel. Plötzlich wurde ich doch sehr müde. Ich lehnte mich an Timo, nicht mehr fähig oder willens, meine Gedanken vor ihm zu verbergen. Er legte den Arm um meine Schultern und wir beobachteten zusammen, wie die Sonne aufging. Sie tauchte erst die ferne Alpenkette in ein goldenes Licht, dann nahm der Wald unter uns Konturen an und schimmerte glänzend in allen Grüntönen. Dazwischen lagen immer noch dichte Fetzen von grauem Nebel, doch schon bald wärmte die Sonne unsere Gesichter. Nach dieser intensiven Nacht wollte ich das Zusammensein mit Timo wieder ohne Heimlichkeiten geniessen können und so liess ich die Gedanken an Mona und ihr Geheimnis einfach zu. Timo liess seinen Arm sinken und atmete tief durch. „Ist sie wirklich meine Mutter?“ fragte er schliesslich. Ich nickte. „Hast du es geahnt?“  Nach einigem Nachdenken meinte er: „Nein, bis vor kurzem nicht – vielleicht wollte ich es auch bloss nicht wahrhaben. Ich wusste nicht viel über meine leibliche Mutter. Zwar habe ich schon als Kind erfahren, dass ich nicht in Dawns Bauch gewachsen war. Mein Vater sagte, dass er für mich die beste Mama der Welt gefunden hätte und es mir jetzt viel besser gehe als früher. Ich hatte natürlich viele Fragen dazu, doch merkte ich bald, dass meine richtige Mutter ein heikles Thema war in der Familie. Mein Vater schaute sofort finster und Dawn presste ihre Lippen zusammen, wenn ich wieder damit anfing. Sie erklärten, dass ich noch zu klein sei, um mehr zu erfahren und dass sie mir später alles erzählen würden. Doch ich beschloss irgendwann, die beiden mit meinen Fragen zu verschonen. Ich dichtete mir eine eigene Wahrheit zusammen. Wenn jedoch Verwandte oder Nachbarinnen auf meine Mutter zu sprechen kamen, spielte ich ihnen das Kind vor, das gerade selbstvergessen in seiner eigenen Welt spielte, während ich stattdessen die Ohren spitzte, um ja kein Wort zu verpassen. Ich vernahm ein paar Dinge über diese Ramona, die offenbar verabscheuenswürdig waren, doch ich verstand nicht, was gemeint war.  Was ich jedoch immer wieder hörte, war: „Wenn der Kleine einen anschaut, sieht man direkt die Mutter vor sich. Er hat ihre Augenfarbe und dieselben unglaublich langen Wimpern.“ Und letzthin sagte Lola  beim Haus oben genau das: „Mona hat fast dieselben Augen wie Timo.“ Dieser Satz löste einiges aus bei mir. Ich fing an, Mona genauer zu beobachten und ich musste zum ersten Mal den Gedanken zulassen, dass sie tatsächlich meine Mutter sein könnte. Daraufhin stellte ich ihr sogar Helene vor, weil ich dachte, dass dies ihr den Impuls geben könnte, ehrlich zu mir zu sein. Direkt fragen konnte und wollte ich sie nicht.“ „Stattdessen kam sie zu mir“, seufzte ich und erzählte, wie sie mich unter Druck gesetzt hatte. Die  Geschichte ihrer Schwangerschaft und der ersten Jahre mit dem kleinen Kind liess ich aus, das sollte sie ihrem Sohn selbst erzählen. Auch Samira und die Rolle, die sie gespielt hatte, erwähnte ich für den Moment nicht. „Wie fühlst du dich Mona gegenüber?“ fragte ich stattdessen nach einer Weile. Timo hatte schweigend über den Nebel geschaut, der sich immer mehr auflöste. Man sah bereits ein Stück Zürichsee und die ersten Häuser darunter auftauchen. „Ich weiss es ehrlich gesagt nicht“, sagte er schliesslich. „Dawn ist meine Mum und das wird für mich so bleiben. Ich kenne Mona unterdessen und schätze ihre guten Seiten, doch ich kann sie nicht plötzlich als meine Mutter ansehen. Ich hatte auch ohne sie die beste Kindheit, die ich mir wünschen konnte, ich trage keinen Groll in mir. Und ich bin sicher, wenn sie mir alles erklärt, werde ich ihre Seite wenigstens ansatzweise verstehen können. Doch es scheint mir so unfair Dawn gegenüber. Sie hatte kein leichtes Los mit mir und meinem Vater. Kaum hatte sie ihn getroffen, war sie auch schon Ersatzmutter. Die beiden hatten keine Zeit, sich erst in Ruhe kennen zu lernen, romantische Reisen zu unternehmen, Wochenenden im Bett zu verbringen oder spontan auszugehen. Mein Vater wünschte sich sehnlichst Stabilität und Ruhe für mich. Dawns Flitterwochen bestanden wahrscheinlich darin, dass sie morgens um fünf Uhr aufstand, um meine Windeln zu wechseln. Ich weiss, dass sie ursprünglich gern eigene Kinder gehabt hätte, dies habe ich ebenfalls beim Lauschen erfahren. Doch mein Vater war tief in seinem Vertrauen verletzt worden durch meine Mutter und vertröstete Dawn immer wieder auf später. Erst einmal sollte ich völlige Geborgenheit in der Familie erfahren. Es drehte sich alles immer um mich, dies war sicher nicht einfach für Dawn. Irgendwann begrub sie offenbar ihren eigenen Kinderwunsch. Ich hoffe nur, dass nicht ich daran schuld bin. Ich war zwar kein schwieriges, jedoch ein sehr eigenartiges Kind mit meiner altklugen Intuition, meiner strikten Weigerung, Tiere zu essen und meiner Gabe, die Gefühle anderer am eigenen Leibe zu spüren. Wenn man mir eine Freude mit einem Zoo- oder Zirkusbesuch machen wollte, weinte ich vor Mitleid mit den eingesperrten Tieren. Ich war nie wie die anderen Kinder. Dawn hat das alles respektiert.  Es scheint mir einfach nicht fair, sie jetzt mit einer Mutter zu überraschen, die schon monatelang ein fester Bestandteil meines Lebens ist und mit der ich bereits so vieles erlebt und besprochen habe.“ Darauf wusste ich nichts zu sagen. Wir schwiegen beide und hingen unseren Gedanken nach. Timo hatte mich wieder fest in den Arm genommen und ich lehnte mich dankbar an ihn. Seine Freundschaft zu verlieren, wäre für mich das Schlimmste gewesen.

Unterdessen war es endgültig Tag geworden und immer mehr Leute drängten sich auf die Aussichtsplattform. Mit der Ruhe war es vorbei. „Wollen wir gehen?“ fragte Timo und fing gerade an, unseren Abfall in eine der Papiertüten zu packen, als wir direkt hinter uns ein freudiges Jaulen hörten. Buddy schoss schwanzwedelnd und glücklich auf Timo zu, dahinter stand Gian-Luca. Er sah übernächtigt und unrasiert aus. „Sie haben mir in der Tierarzt Praxis gesagt, wo ihr seid“, sagte er mit finsterem Gesicht zu seinem Sohn. „Wir drei müssen reden, und zwar jetzt. Sofort.“ Timo schaute verwirrt von seinem Vater zu mir und zurück: „Du hast etwas so dringendes mit Wispy und mir zu besprechen, dass du extra hierher kommst?“ „Nicht mit ihr“, sagte Gian-Luca ungeduldig mit einer Kopfbewegung in meine Richtung und tat einen Schritt zur Seite. Hinter ihm stand in modischen Sportsachen, jedoch ungeschminkt, offenbar ungekämmt und mit verheultem Gesicht, Mona. Ich weiss nicht, ob es daran lag, dass sie für einmal Sneakers trug statt hochhakigen Schuhen, plötzlich schien sie mir klein und schutzbedürftig.  Doch noch bevor ich so etwas wie Mitleid für sie empfinden konnte, fauchte sie mich an: „Das hast du ja perfekt hingekriegt, Pusteblume.“

 

 

 

Schützenhilfe von unerwarteter Seite

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Schliesslich machte ich mich auf den Heimweg, langsam und zu Fuss. Während dem Gehen kommen mir oft die besten Ideen und nun brauchte ich dringend eine! Ich beschloss, das Problem loszulassen, nicht mehr bewusst daran zu denken und auf eine Eingebung des Himmels zu warten. Allerdings war dies leichter gesagt als getan.

„Zaubern müsste man können“, dachte ich und realisierte in dem Moment, dass ich gar nicht weit von der kleinen Buchhandlung entfernt war, aus der ich den Schmetterling gerettet hatte. „Was für ein lustiger Zufall“, schmunzelte ich vor mich hin und lenkte meine Schritte auf die andere Strassenseite. Beim Eintreten ins Geschäft sah ich, dass die Buchhändlerin am Ausräumen der Schaufenster war. Sie stand auf einer kleinen Leiter, sah verschwitzt aus und die Haare hingen ihr ins Gesicht. Auf dem Fussboden stapelten sich Bücher, daneben standen Eimer mit Wasser und Putzzeug.

„Sieh an, die Schmetterlingsflüsterin“, sagte sie, als sie mich kommen sah. Da sie beide Arme voller Bücher hatte, nahm ich ihr diese ab und legte sie zu den anderen auf den Boden. „Darf ich Ihnen helfen?“ fragte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Ich habe Zeit, und da ich ein Problem im Kopf herum wälze, täte mir körperliche Arbeit sicher gut und würde mich ablenken.“ Sie zögerte und wollte höflich ablehnen, doch ich spürte, dass ihr meine Hilfe tatsächlich sehr gelegen käme. So zog ich meine Jacke aus und verstaute sie samt Handtasche hinter dem Kassenkorpus. „Sie wollen doch nicht im Ernst hundert Mal diese Leiter rauf- und runtersteigen? Zu zweit geht das Ausräumen viel einfacher und schneller.“  Sie sah mich dankbar an und reichte mir weitere Bücher. „Einfach auf den Boden stellen, sie müssen noch abgestaubt werden. Ich will die Schaufenster neu gestalten und bin dabei, mir ein Thema dafür auszudenken. Ich hoffe ebenfalls, dass mir während dem Arbeiten die richtige Idee einfällt.“ Ein paar Minuten lang arbeiteten wir schweigend. Dann lächelte sie mich an: „Entschuldigung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heisse Samira.“ „Schöner Name“, sagte ich. Sie lachte. „Er kommt aus dem Arabischen und bedeutet unter anderem ‘Unterhalterin‘. Ich mache meinem Namen nicht viel Ehre diese Tage, realisiere ich gerade. Ich habe diese Buchhandlung erst vor kurzem übernommen und wusste bei aller Liebe zu Büchern wohl nicht, was ich mir damit antat. Im Moment würde ‚Grüblerin‘  wohl eher zu mir passen.“

Ich nannte ihr meinen Namen und fügte hinzu: „Es wird Zeit, dass mich wieder mal jemand damit anspricht. Vor einigen Monaten habe ich junge Leute kennen gelernt, die darauf bestehen, mich ‚Wispy‘ zu nennen. Ich höre meinen richtigen Vornamen kaum noch.“ „Hm“, schmunzelte Samira, „ich kann sehen, wie sie auf diesen Spitznamen kamen und er passt doch gut zu dir. Deine Haare sehen aus wie luftige Wattebäuschen, man bekommt Lust, rein zu pusten.“ „Dann kannst du mich auch gleich Pusteblume nennen“, sagte ich und bevor ich mich stoppen konnte, war ich mitten in einer Beschreibung von Mona. Nach ein paar Sätzen schüttelte ich den Kopf und hörte auf zu sprechen. „Entschuldige Samira, ich wollte dich nicht vollquatschen. Ich hatte gerade eine unangenehme Begegnung mit dieser Person. Ich rede jetzt nicht mehr davon.“ Unterdessen hatten wir das erste Schaufenster ausgeräumt und machten uns daran, die Scheiben zu putzen. Wir arbeiteten Hand in Hand, als ob wir nie etwas anderes gemacht hätten. „Schade“, lachte Samira. „Es fing gerade an, spannend zu werden und offensichtlich beschäftigt dich dieses Treffen sehr. Erzähl mir doch einfach die ganze Geschichte. Dir wird es gut tun und ich kann etwas Unterhaltung gebrauchen. Da ich weder dich noch deine Freunde kenne,  wird es mich auf keine Weise belasten und wenn du willst, vergesse ich alles gleich wieder, kein Problem.“

Und so kam es, dass ich Samira erst zögernd, doch dann, von ihr ermutigt, ausführlich die ganze Geschichte erzählte, vom Moment an, als ich Timo kennen gelernt hatte. Sie war eine wunderbare Zuhörerin, die oft  laut lachte oder gespannt den Atem anhielt. Es tat gut, jemandem alles mitteilen zu können und mir wurde immer leichter ums Herz.  Als Samira von Destinys Rettung hörte, klatschte sie begeistert in die Hände. „Oh, ich wünsche mir schon lange einen Hund“, rief sie. „Darf ich vorbeikommen, wenn die Jungen auf der Welt sind?“ Und, als sie meinen Blick sah: „Keine Angst, deine Freunde  werden nicht merken, dass ich bereits so viel über sie erfahren habe. Mein grosses Hobby, neben Lesen, ist Schauspielern. Ich bin Mitglied einer sehr aktiven Theatergruppe. Und ich bin gut!“ Ich musste lächeln. „Na dann…ich freue mich natürlich, wenn du alle kennen lernst. Mich interessiert vor allem,  was du von Mona hältst. Denn nun erzähle ich dir den Rest, nämlich den Grund unserer Begegnung heute Nachmittag und was ich erfahren habe.“

Als ich geendet hatte, blieb Samira eine ganze Weile lang still. Wir räumten bereits das dritte Schaufenster aus. Es war heiss und stickig im Laden, irgendwo brummte nervtötend eine Fliege. „Wenn ich dich richtig verstanden habe“, brach Samira schliesslich ihr Schweigen, „sollst du Timo fragen, was er über seine leibliche Mutter weiss, beziehungsweise ob er überhaupt etwas über sie weiss. Jedoch soll er nicht merken, dass du ihn das fragst? Oder sich zumindest nicht wundern, warum du ihm plötzlich solche Fragen stellst? Eine ziemlich unmögliche Aufgabe, finde ich.“ „Genau das habe ich Mona auch gesagt“, rief ich aus. „Doch sie erpresst mich richtiggehend, wie du gehört hast. Was soll ich bloss tun?“ „Hm“, meinte Samira, „ich denk mir etwas aus, doch jetzt machen wir erst mal Pause. Wir brauchen etwas zu trinken.“ Sie brachte grosse Gläser mit gekühltem Tee. Wir tranken schweigend und hingen unseren Gedanken nach, bis plötzlich  Samira ihr Glas so laut auf den Tisch knallte, dass ich zusammen zuckte. „Ich hab’s!“ rief sie triumphierend. „Wir fragen nicht Timo, wir fragen Dawn.“ Obwohl ich ihr „wir“ rührend fand und mich darüber freute, konnte ich mit der Idee nicht viel anfangen. Ich konnte Dawn wohl kaum anrufen und ihr solch private Fragen stellen. „Nicht du, ich mache das!“ Samira hatte meinen skeptischen Gesichtsausdruck richtig interpretiert. „Schauspielerin, erinnerst du dich? Dies wird eine tolle Übung für mich. Komm, machen wir mit dem Putzen weiter und ich weihe dich in meinen Plan ein.“

Als erstes wollte Samira genau wissen, wie Dawn aussah, wo sie wohnte und was ich von ihrem Alltag wusste. „Sie ist sehr hübsch, mit dem hellen Teint vieler Engländerinnen und feinen Sommersprossen im Gesicht. Auf den Fotos, die ich gesehen habe, trug sie ihr dunkelblondes Haar meist auf Kinnlänge. Du wirst sie jedoch sofort an ihren auffallend blauen Augen erkennen. Sie und Gian-Luca wohnen am Stadtrand, im Auzelg Quartier. Dawn arbeitet Teilzeit, jeweils am Vormittag, leider weiss ich nicht wo und auch nicht, wann sie normalerweise nach Hause kommt“, berichtete ich. „Ich muss ihr wie zufällig begegnen“, sagte Samira nachdenklich. „Dann werde ich freudestrahlend auf sie zugehen und „Dawn! Ich habe dich so lange nicht mehr gesehen!“ rufen. Mona hat dir genug über Timos erste Jahre erzählt, dass ich glaubwürdig eine ehemalige Nachbarin spielen kann. Eine sehr redselige ehemalige Nachbarin, die einen Besuch am alten Wohnort gemacht hat. Seit Dawns Heirat mit Gian-Luca sind wahrscheinlich etwa fünfundzwanzig Jahre vergangen, sie könnte leicht eine oberflächliche Bekanntschaft aus jener Zeit vergessen haben. Ich werde sie daran „erinnern“, wo ich damals gewohnt habe. Dann werde ich ihr versichern, wie sehr ich sie immer dafür bewundert hätte, dass sie so eine tolle Stiefmutter für Timo war. Ich selber hätte ihn zuvor auch ab und zu gehütet.“ Samira spielte mir die neugierige Nachbarin mit Leib und Seele vor. „Wie geht es Timo denn heute? Hat er noch Kontakt mit seiner Mutter? Das war ja vielleicht eine Schlampe…“ Samira bemerkte meinen Blick und verteidigte sich: „Was! Es muss nach echter Entrüstung aussehen. Ich werde Dawn nicht in Ruhe lassen, bis ich erfahren habe, was ich wissen will. Ich kann sehr hartnäckig sein.“ Ich fühlte mich nicht wohl beim Gedanken, Timo so zu hintergehen, doch ohne irgendeinen Trick ging es wohl nicht. „So viele Lügen…“ seufzte ich dennoch. „Lügen?“ Samira schaute mich fast beleidigt an. „Du schätzt meine Schauspielkunst nicht. Doch für mich ist es sicherlich einfacher, da ich die beteiligten Personen nicht persönlich kenne.“ Ich gab klein bei. Wenigstens war es ein Plan. Doch etwas war mir noch nicht klar. „Wie willst du es anstellen, dass du sie zufällig auf der Strasse triffst? So wie ich verstanden habe, wohnen Timos Eltern in einem typischen Familienquartier, wo man sich gegenseitig kennt. Du würdest auffallen. Ganz abgesehen davon, dass du bestimmt nicht die freie Zeit hast, mehrmals auf gut Glück dorthin zu gehen.“ „Da hast du allerdings Recht“, stimmte mir Samira zu. „Weisst du denn sonst etwas über Dawn? Wo sie einkauft? Ihre Hobbies?“ Ich musste nachdenken. „Yoga“, rief ich dann, „Timo hat gesagt, dass sie nie die Power Yoga Stunde in ihrem Fitnessstudio ausfallen lassen würde. Ich weiss sogar, wo dieses Center ist, ich hatte Timo für eine Nachbarin danach gefragt.“ Samira holte ihren Laptop hervor und wir öffneten die Webseite des Fitnessstudios.  „Oh, wir haben Glück“, meinte Samira, „Power Yoga gibt’s da nur zweimal pro Woche, am Montag und am Donnerstag. Heute ist Freitag, also gehe ich am Montag hin. Das passt gut, da meine Buchhandlung montags geschlossen ist. Was denkst du, fährt sie mit dem Auto hin oder nimmt sie die Strassenbahn?“ Das wusste ich leider nicht. „Kein Problem“, meinte Samira. „Dann spreche ich sie erst nach der Trainingsstunde auf der Strasse an. Das ist sowieso klüger, vorher wird sie mich vielleicht abwimmeln, vor allem, wenn sie zeitlich knapp dran ist. Oder noch besser“, wieder klatschte sie wie ein Kind in die Hände, „ich gehe zu einer Probelektion. Dazu muss man sich laut Webseite nicht mal anmelden. Wir haben schliesslich nur eine einzige Chance, diesen Plan durchzuziehen.“ Ich legte ihr die Hand auf den Arm und drückte ihn: „Dein selbstverständliches „wir“ tut so gut. Als ich hier reinkam, fühlte ich mich ziemlich allein gelassen. Normalerweise male ich, wenn ich mit etwas nicht zu Rande komme, doch heute zweifelte ich, dass es helfen würde.“ „Du malst? Richtige Bilder?“ fragte Samira interessiert und für den Rest des Nachmittags hatten wir ein neues Gesprächsthema. „Möchtest du ein paar kleinere Bilder in meinen Schaufenstern ausstellen?“ fragte sie mich schliesslich. „Zum Beispiel von deiner Katze? Wir könnten Haustiere zum Thema eines der Fenster machen, dazu habe ich viele Bücher. “ Wir holten Papier, um unsere vielen Ideen aufzuzeichnen und aufzuschreiben. Da wir uns gegenseitig mit Einfällen übertrumpften, hatten wir viel Spass. Gegen Abend machte uns Samira etwas Kleines zu essen. Während der ganzen Zeit meiner Anwesenheit hatten nur sechs Leute den Laden betreten, gekauft hatten bloss zwei davon etwas. Es wurde höchste Zeit, der Buchhandlung neue Kundschaft zu verschaffen.

„Nun muss ich wirklich nach Hause, Bella braucht ihr Fressen“, sagte ich schliesslich. „Nochmals zu Dawn. Ich hoffe sehr, dass am Montag alles wunschgemäss klappt.  Nicht nur wegen Mona. Dawn und Gian-Luca haben demnächst eine längere Reise geplant.“ „Umso besser“, meinte Samira fröhlich, „dann wird sie die seltsame Begegnung mit mir schnell wieder vergessen haben. Magst du am Sonntag nochmals vorbei kommen? Ich wohne hier im Haus, ein Stockwerk höher. Dann üben wir meinen Auftritt.“

In dieser Nacht schlief ich schlecht. Während sich Samira offensichtlich freute, ihre Schauspielkunst praktisch anwenden zu können, fühlte ich mich nicht wohl bei der Sache. Doch eine andere Lösung wollte mir nicht in den Sinn kommen. Am nächsten Tag schrieb ich Lilly eine Nachricht und fragte nach Destiny. Ich erklärte, dass ich bis etwa Mitte der nächsten Woche keine Zeit hätte, bei Mona vorbei zu kommen. „Wir haben ein volles Haus hier am Waldrand“, schrieb sie, „wir sind alle dabei, das Aussengehege und eine Hütte für die Hunde zu bauen. Destiny bleibt übers Wochenende beim Doktor, sie könnte bald gebären. Lola ist ebenfalls bei ihm, ich glaube sogar seit gestern. Jedenfalls war sie nachts weder hier noch zuhause.“ Aufs Wort „gestern“ folgten ein Smiley, zwei Herzen und eine ganze Reihe Fragezeichen. „Das wären doch schöne Neuigkeiten“, textete ich zurück und hoffte inständig, dass sich Lilly jetzt nicht noch mehr Hoffnungen auf Timo machen würde. Ich schickte einen Gruss an alle und legte das Telefon erleichtert zur Seite. Ich hätte im Moment mit niemandem der Gruppe sprechen wollen. Stattdessen holte ich meine Malsachen hervor. Samira hatte vorgeschlagen, im Herbst meine Bilder in ihrer Buchhandlung auszustellen. „Wir organisieren eine kleine Feier zur Eröffnung und verschicken Einladungen“, hatte sie gleich Pläne gemacht. Ihr Enthusiasmus und ihre Begeisterung waren ansteckend und ich fand den Gedanken an eine Ausstellung aufregend. Als erstes entwarf ich einen provisorischen Flyer für die Vernissage mit einem meiner Lieblingsbilder. Als ich meinen Namen darunter setzte, bekam ich richtig Herzklopfen. Ich hatte meine Bilder noch nie öffentlich gezeigt. Den Flyer klebte ich zur Motivation an die Staffelei. Dann fing ich ernsthaft an zu malen und arbeitete bis tief in die Nacht.

Am Sonntag legte Samira eine so gekonnte Show hin, dass ich ihr die ehemalige Nachbarin glatt abgenommen hätte. Um ihr Interesse zu erklären, hatte sie einen Neffen erfunden, der sich schwer tat mit dem Gedanken, adoptiert worden zu sein. Sie war wirklich eine tolle Schauspielerin, sagte nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich gab mir die grösste Mühe, die überrumpelte Dawn zu spielen, der es zwar peinlich war, dass sie die ehemalige Nachbarin nicht erkannte, die jedoch überhaupt keine Lust hatte, mit ihr über vergangene Zeiten zu sprechen. Doch Samira kitzelte all die Informationen aus mir heraus, die sie haben wollte. Wenn es sich nicht um Timos Geschichte gehandelt hätte, hätte ich die Vorführung total geniessen können. „Du warst aber auch nicht schlecht“, lobte Samira nachher. „Komm doch mal mit zur Theatergruppe und schau, ob es dir da gefällt. Du würdest lernen, mit noch festerer Stimme zu sprechen und selbstbewusster für dich einzustehen. Du wirst sehen, solche Fähigkeiten können sehr nützlich sein. Ich konnte dich zu leicht manipulieren vorhin. Diese Mona zum Beispiel soll ja nicht denken, dass sie dich je wieder für ihre Sache einspannen kann.“  Dann betrachtete sie mich kritisch von oben nach unten. „Du würdest zudem lernen, dich ein wenig zu schminken und Kleider in Farben anzuziehen, die dir stehen. Weisse Haare brauchen kräftige Kontraste. Dezent und Pastell ist vorbei für uns, sonst werden wir glatt übersehen. Da kommt mir in den Sinn, ich brauche etwas zum Anziehen für die Yogastunde morgen. Kommst du am Vormittag mit mir einkaufen?“ Ich sagte sofort zu. So würde der Tag schneller vergehen und ich hätte weniger Zeit zum Grübeln und Zweifeln. Zudem tat mir Samiras Gesellschaft gut. So gern ich mit meinen jungen Freunden diskutierte und lachte, bei intensiveren Gesprächen machte sich naturgemäss der Altersunterschied bemerkbar. Samira war nur wenige Jahre jünger als ich und hatte offenbar viel Lebenserfahrung. Ihre energievolle und tatkräftige Art, die Dinge anzupacken, wirkte  erfrischend. Als typische Vertreterin des Sternzeichens Waage drehte ich hingegen fällige Entscheidungen manchmal endlos im Kopf herum.

Als wir am nächsten Tag durch die Läden schlenderten, wurde bald klar, dass diese Shoppingtour wohl eher mir galt als Samira. Bestimmt hatte sie den Schrank voller Sachen, die sich für eine Yogastunde eigneten. Sanft von ihr gedrängt, probierte ich schliesslich ein paar Kleider an, die ich vorher nicht mal angeschaut hätte. In den Umkleidekabinen schüttelte ich den Kopf, wenn ich mich im Spiegel sah, doch Samira zerrte mich heraus, liess mich hin und her gehen, mich drehen und wenden. „Toll, wie die Farben wirken, du siehst gar nicht mehr wie eine graue Maus mit weisser Krone aus“, rief sie, nicht gerade feinfühlig. Doch da ich vor ein paar Tagen ähnlich über mich selbst gedacht hatte, musste ich lachen und kaufte mir tatsächlich ein paar neue Sachen. „Die stehen dir alle super, nun zieh sie auch an, du wirst schliesslich nicht jünger“, sagte Samira auf ihre unverblümte Art, als wir danach einen Kaffee tranken. Sie hatte sich schliesslich ein Paar Leggins und ein sportliches Top gekauft, weil ich sie mehrmals daran erinnert hatte, dass sie doch Yogakleidung kaufen wollte. „Wie konnte ich das nur vergessen“, hatte sie gerufen und mich angeblinzelt dabei. Ich hatte jedoch die Ahnungslose gespielt, eine winzig kleine Rache meinerseits. Samira fiel überall auf, wo wir hinkamen. Es war nicht nur ihre lebhafte Art, sie sah auch besonders schön aus an diesem Tag. Sie trug einen langen Jupe, eine Bluse und eine ärmellose, kurze Weste, alles in aufeinander abgestimmten Blau- und Purpurtönen. Sie würde bei Dawn auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Als wir uns verabschiedeten, wurde ich wieder nervös. Samira spürte es. „Mach dir keine Sorgen, Dawn wird nicht wissen, wie ihr geschieht. Bevor sie es selbst richtig realisiert, wird sie mir bereits die ganze Geschichte erzählt haben.“ Samiras Selbstvertrauen war beneidenswert. Ich schaute ihr nach, wie sie leichtfüssig davon ging, während die lange, weisse Haarmähne auf ihrem Rücken hin und her schwang.

Zuhause nahm ich Bella auf den Schoss und schaltete den Fernseher ein. Vor dem Abend würde ich nichts mehr von Samira hören. Ich machte mich auf eine  Wartezeit gefasst, die mir wohl unendlich lange vorkommen würde. Drei Stunden später wünschte ich mir fast, es wäre so. Lola hatte mich angerufen. Bei Destiny hatten erste Wehen eingesetzt, doch es ging nur langsam vorwärts und die Hündin war sehr unruhig. „Die Geburt kann lange dauern und man sollte Destiny nicht allein lassen. Der Doktor hat noch mehrere Patienten im Wartezimmer und braucht meine Hilfe. Es geht heute besonders hektisch zu und her bei uns, das macht Destiny zusätzlich nervös. Timo hat einen wichtigen Abgabetermin morgen und muss seine Übersetzung fertig schreiben. Die andern arbeiten oder sind nicht zu erreichen…kannst du sofort kommen, um auf Destiny aufzupassen?“ Ich machte mich gleich auf den Weg, erleichtert, dass ich Timo nicht begegnen würde, bevor ich meine Informationen hatte. Doch als ich die Tür zur Praxis öffnete, trottete mir Buddy entgegen. „Es geht Destiny nicht gut“, berichtete eine aufgelöste, sichtlich gestresste Lola. „Ich habe Timo nochmals angerufen und er konnte seinen Abgabetermin verschieben. Er ist bereits im Nebenzimmer. Sein Vater kommt gleich und holt Buddy. Kannst du solange mit ihm im Wartezimmer bleiben? Es geht nicht, dass er hier überall rumläuft, nicht heute.“ Damit verschwand sie wieder im Behandlungszimmer.

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich ins Wartezimmer zu setzen und auf den Mann zu warten, dessen Frau wohl gerade in diesem Moment kräftig an der Nase herumgeführt wurde. Und das meinetwegen.

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Mona oder die Kröte

   -12-

Den Anfang verpasst? Hier geht’s zum ersten Teil.

Ich habe mal gelesen, dass man die Kröte am Morgen schlucken soll, damit das Unangenehmste des Tages gleich aus dem Weg geräumt ist. Während ich nach dem Frühstück mein Telefon in den Händen drehte, versuchte ich mir Mona als dicke Kröte vorzustellen. Doch da ich alle Tiere liebe, wollte es mir nicht gelingen. Der Teil mit dem Schlucken sowieso nicht. „Es wäre ohnehin ein beleidigender Vergleich“, dachte ich schliesslich, „beleidigend für die Kröte.“

Seufzend wählte ich die Nummer auf der Visitenkarte, die Mona mit Kugelschreiber eingekreist hatte. Ich hatte ein paar kurze Sätze einstudiert. Mona sollte mir sagen, was sie zu sagen hatte; und mich danach für immer in Ruhe lassen. Als der Hörer auf der anderen Seite abgehoben wurde, holte ich tief Luft und war bereit für meine Rede, wurde jedoch sofort ausgebremst, da Monas Assistentin am Apparat war. Kühle Business-Stimme. Im Hintergrund klingelten weitere Geräte, viele Leute sprachen gleichzeitig, es hörte sich nach lebhaftem Grossraumbüro an. „Frau Wagner ist ausser Haus, doch ich habe eine Nachricht für Sie“, sagte die Assistentin sofort, nachdem ich mich vorgestellt hatte. „Sie wird Sie um 14.00 Uhr beim Brunnen auf dem Lindenhof treffen.“ Ich wollte Mona nicht sehen und fand zudem diese Zeitvorgabe eine Frechheit. „Und wenn mir das nicht passt?“ fragte ich,  schnippischer als gewollt. Die junge Frau hatte sicher keinen angenehmen Job. Plötzlich wusste ich, an wen mich Mona vom ersten Moment an erinnert hatte: An die arrogante Chefin aus dem Film „Der Teufel trägt Prada.“ Selbst äusserlich gab es da gewisse Parallelen. Doch ihre Assistentin war offenbar kein kleines, verschupftes Ding. „Da kann ich Ihnen nicht helfen“, sagte sie mit deutlich hörbarer Gereiztheit in der Stimme, „Frau Wagner ist bei Modeaufnahmen und darf nicht gestört werden. 14.00 Uhr auf dem Lindenhof, soll ich Ihnen ausrichten. Schönen Tag noch.“

Im Laufe des Vormittags summte mein Telefon mehrmals mit begeisterten Textmitteilungen meiner jungen Freunde, die Destinys Zukunft planten und mir dazu gratulierten, Mona umgestimmt zu haben. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich gegen 14.00 Uhr auf den Weg zum Lindenhof zu machen. Ich wählte den versteckten, steilen kleinen Weg von der Fortunagasse her, damit ich nicht sofort vor Mona stehen würde. Ich liebte diesen idyllischen Platz mitten in der Stadt Zürich, mit seinen schönen, alten Bäumen und der wunderbaren Aussicht auf Limmat und Altstadt. Musste Mona mir die Freude daran verderben? Sie war bereits da, ich sah sie von weitem. Sie rauchte und ging nervös vor dem Brunnen hin und her. Ihre Anspannung war offensichtlich, sogar über die Distanz. Ich liess das Bild einen Moment lang auf mich wirken: Selbst die Brunnenfigur, bestehend aus einer geharnischten Frauengestalt zu Ehren der tapferen Zürcherinnen, die 1292 in Kampfmontur das Heer von Herzog Albrecht von Österreich abgeschreckt hatten, wirkte friedlich im Gegensatz zu Mona. „Um schonendes Anhalten wird gebeten“ – plötzlich hatte ich diesen Satz im Kopf, den sie in den Medien jeweils verwenden, wenn eine verwirrte Person gesucht wurde. Ich musste unwillkürlich lachen, gab mir einen Ruck und ging zu Mona.

„Hier bin ich. Sag, was du zu sagen hast, aber schnell, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“ „Schonend“ konnte man dies nicht nennen, doch es war wirkungsvoll. Da ich Mona von hinten angesprochen hatte, fuhr sie vor Schreck zusammen, drückte ihre Zigarette unter dem Absatz aus und blieb stehen. Langsam drehte sie sich um. Zu meiner Überraschung sah sie aus, als ob sie geweint hätte. „Es tut mir leid Wispy, ich weiss wirklich nicht, mit wem ich sonst darüber sprechen könnte. Können wir uns setzen?“ Schweigend gingen wir zur nächsten Bank. Ich fand die offenbar aufgewühlte Mona fast noch unangenehmer als die zickige Version. Keinesfalls wollte ich ihre Vertraute werden und hoffte, das Gespräch nachher schnell wieder vergessen zu können. Als Mona schwieg, fing ich an, mit den Fingern auf die Bank zu trommeln. „Also?“ fragte ich nach einer Weile gereizt; und Mona holte tief Luft. Es tönte etwas zittrig wie ihre Stimme.

„Timo hat mir seine neue Freundin Helene vorgestellt“, sagte sie schliesslich. Ich fühlte einen kleinen Stich der Eifersucht. „Schön für dich“, sagte ich mit möglichst gleichgültiger Stimme, „uns anderen gegenüber macht er bekanntlich ein grosses Geheimnis daraus.“ „Das ist so“, bestätigte Mona, „ er tut dies wegen den Schwestern. Timo weiss natürlich, was die beiden für ihn empfinden. Er hat Lola und Lilly sehr gern, doch nicht auf diese Weise. Lola ist für ihn eine Art Seelenverwandte mit ihrer Fähigkeit, die Tiere zu verstehen, während Lilly vor allem seine Beschützerinstinkte weckt. Er fühlt sich eher wie ein grosser Bruder der beiden. Selbst wenn es anders wäre, könnte er sich nicht für eine der jungen Frauen entscheiden, ohne einen grossen Zwist herbei zu führen. Mit dieser Freundin wird er die beiden zwar enttäuschen, jedoch nicht gegeneinander aufbringen. Er überlegt sich noch, wie er Helene am besten in die Gruppe einführen soll, um möglichst niemanden zu verletzen. So ist er halt, mein Sohn.“ „Wunschsohn, Mona“, berichtigte ich. Sie drehte sich um und schaute mir voll ins Gesicht. „Wispy, Timo ist mein Sohn.“ „Oh Gott“, dachte ich, „jetzt wird es wirklich übel. Mona ist komplett übergeschnappt. Wie hält man die irren Gedanken einer Person schonend an?“ „Mona“, sagte ich nach kurzem Nachdenken vorsichtig, „du hast dich da in etwas hineingesteigert. Timo sagt selbst, dass du dir einen Sohn wie ihn gewünscht hättest. Doch du bist nun mal nicht seine Mutter. Diese heisst Dawn und ist ursprünglich Engländerin. Timo ist sehr stolz auf sie, er erzählt viel von ihr und ich habe auch Fotos gesehen.“ Und, als Mona nicht gleich antwortete: „Wenn das alles war, würde ich jetzt gern gehen.“ Ich war aufgestanden und nahm meine Jacke von der Bank. „Dawn hat Timo aufgezogen und er nennt sie Mutter“, sagte Mona mit leiser Stimme gegen meinen Rücken, „doch glaub mir, zur Welt gebracht habe ich ihn. Leider weiss ich nicht, was er von seiner frühesten Kindheit weiss, was ihm von mir erzählt wurde. Ob ihm überhaupt von mir erzählt wurde. Ich weiss nicht, wie er über die Frau denkt, die ihn als Baby aufgegeben hat. Möchte er sie kennen lernen? Oder verachtet er sie so sehr, dass ihn ihre Seite der Geschichte gar nicht interessiert? Das sollst du für mich herausfinden.“ Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, also schwieg ich und setzte mich wieder.

Mona schaute nachdenklich auf die Limmat, als sie nach einer Weile zu erzählen begann: „Ich war sehr jung damals, jung und dumm, als ich Timos Vater Gian-Luca kennen lernte. Zwar war er ein paar Jahre älter als ich, doch sein italienischer Charme und sein Draufgängertum gefielen mir. Ich war noch dabei, meine Wirkung auf Männer auszuprobieren und sein Interesse schmeichelte mir. Ich hatte längst nicht so viel Erfahrung, wie ich vorgab, nur eine kurze Beziehung mit einem gleichaltrigen Jungen, der mir rückblickend kindisch und unreif vorkam. Gian-Luca hatte leichtes Spiel mit mir. Als das Thema Verhütung aufkam, versicherte ich ihm, dass ich die Pille nehme und zog die angefangene Packung aus der Handtasche. Dass ich wegen der Gewichtszunahme durch die Hormone schon länger keine Pille mehr geschluckt hatte, verschwieg ich. Ich sage ja…jung und dumm. Ausser Kleidern, Make-up und Partys hatte ich nicht viel im Kopf. „Warum überrascht mich das nicht?“ dachte ich bissig. Doch ich schwieg. Mona fuhr fort: „Ich wurde sofort schwanger. Meine Eltern machten mir endlos Vorwürfe und wollten mich zu einer Abtreibung drängen. Gian-Luca war geschockt und wütend, dass ich ihn quasi hereingelegt hatte, seine Verliebtheit war auf einen Schlag wie weggeblasen. Auf das Kind freute er sich dennoch sehr, er ist ein emotionaler Italiener wie er im Buche steht, ein richtiger Familienmensch. Für das Kind wollte er denn auch mit mir zusammen bleiben. Ich brach den Kontakt zu meinen Eltern ab und hoffte, ich könnte mit der Zeit Gian-Lucas Liebe zurückgewinnen. Ich zog zu ihm.

Hatte ich es am Anfang noch irgendwie romantisch gefunden, ein Baby von meinem Freund zu erwarteten, verlor sich dieses Gefühl so schnell wie mein Bauch wuchs. Ich war erst dabei gewesen, meinen nun erwachsenen Körper richtig kennen zu lernen, nun fühlte er sich wie besetzt an. Rauchen war verboten, Alkohol trinken, ausgehen, Party machen…nichts durfte ich mehr, es ging nur noch darum, was das ungeborene Kind brauchte, 24 Stunden am Tag. Ich fühlte mich vernachlässigt. Ich hasste die Schwangerschaftskontrollen. Wenn die Ärztin mit diesem forschen „Dann wollen wir mal…“ ihre Untersuchungshandschuhe anzog, wäre ich am liebsten schreiend davongelaufen. Das wachsende Kind auf dem Ultraschallmonitor zu beobachten, gefiel mir jedoch. Ich stellte es mir dann irgendwo da draussen vor, in Sicherheit und Geborgenheit; dass es in Wirklichkeit in mir wuchs und ich dafür verantwortlich war, konnte ich für den Moment einfach ausblenden. Ich liebte dieses werdende Baby und wollte sein Bestes, doch nicht auf meine Kosten. Ich weiss, das tönt fürchterlich. Ich war selber noch ein Kind. Nicht nur das, sondern eine verwöhnte, egozentrische Göre dazu.“

Ich musste mir heftig auf die Zunge beissen, um diesen letzten Satz unbeantwortet stehen zu lassen. Mona zündete sich eine neue Zigarette an. Wir schwiegen beide. Ich wusste nicht, ob ich ihr glauben konnte, doch wer würde so etwas erfinden? Mona wäre allerdings fähig dazu, aus was für Gründen auch immer, dachte ich gerade, als sie weiterfuhr. „Als Timo auf der Welt war, liebte ich ihn sehr, doch das Gefühl der Verantwortung erschlug mich  fast. Ich hatte keine Freundinnen mit Kindern, bei denen ich mich hätte aussprechen können. Mein Körper war mir unheimlicher denn je mit diesem leeren Bauch, der noch fast so gross war wie vor der Geburt, dem schmerzhaften, schlecht heilenden Dammschnitt und dem Milcheinschuss. Ich war mir fremd geworden. Tagsüber war ich unglücklich und überfordert mit dem schreienden Säugling und dem Haushalt, und abends, wenn Gian-Luca zuhause war, machte mich sein lockerer und entspannter Umgang mit Timo eifersüchtig und neidisch. Bei ihm schrie der Kleine nur selten, ihm schenkte er sein erstes, zahnloses Lächeln, ihm folgte er mit seinen Blicken, selbst wenn er in meinem Arm lag.

Ich stillte Timo früh ab und fing an, so oft wie möglich mit ihm zusammen aus dem Haus zu gehen. Sobald er im Kinderwagen eingeschlafen war, setzte ich mich in ein Café und hoffte auf etwas Ruhe. So war ich eine leichte Beute für Alois, einen älteren, wohlhabenden Österreicher auf der Suche nach einer jungen Geliebten. Indem er auf mich einging, mir zuhörte, mich in den Mittelpunkt stellte und das Baby so gut wie möglich ignorierte, fühlte ich mich endlich wieder begehrenswert. Ich fing an, Timo für ein paar Stunden bei benachbarten Müttern zu lassen, indem ich vorgab, einen wichtigen Arzt- oder Zahnarzttermin zu haben. Ich liess mich auf Alois ein. Wenn ich in seiner schönen, aufgeräumten Wohnung war, war dies wie ein zweites, anderes Leben für mich und ich fühlte mich selbst wieder schön. Doch das schlechte Gewissen begleitete mich ständig. Ich musste immer neue Mütter finden, die mein Baby hüteten, damit nicht auffiel, wie oft ich weg war. Timo lernte früh, sich immer wieder auf andere Leute einzustellen. Vielleicht entwickelte er dadurch seine telepathischen Fähigkeiten. Die Grossmütter kamen als Babysitter nicht in Frage, da ich auf keinen Fall wollte, dass meine Affäre aufflog. Genau dies passierte dennoch. Ich hätte es wissen müssen.

Scheinbar fanden es die Mütter der Umgebung nicht so toll, dass ich mein Kind ständig bei ihnen liess, mich im Gegenzug jedoch nie anerbot, ihre Sprösslinge zu hüten. Dies kam Gian-Luca zu Ohren. Ich mache es kurz: nachdem er alles erfahren hatte, warf er mich aus dem Haus und seine Mutter zog vorübergehend ein, um nach Timo zu schauen. Alois nahm mich auf. Nun hatte ich, was ich mir gewünscht hatte; einen stressfreien Alltag im Luxus ohne die Verantwortung für ein Kind. Doch schon bald vermisste ich Timo und Gian-Luca schmerzlich. Eigentlich hätte ich nur etwas Ruhe und ein paar ungestörte Nächte gebraucht. Ich durfte meinen Sohn jederzeit besuchen und machte am Anfang oft Gebrauch davon. Allerdings wurde mir nicht erlaubt, den Kleinen allein mit nach draussen nehmen. Ich war nur geduldet, in frostiger Atmosphäre. Gian-Luca ging mir möglichst aus dem Weg und seine Mutter murmelte immer etwas Böses vor sich hin, während sie mich mit vorwurfsvollem Blick anschaute.

Bald darauf lernte Gian-Luca Dawn kennen. „Dawn“ heisst – „‘die Morgenröte‘, ich weiss“, fiel ich ihr ins Wort. „Oder ‚das Morgengrauen‘“, fuhr Mona fort, „so nannte ich sie bei mir, denn ein Grauen wurden ab dann die Besuche für mich. Die neue Freundin wohnte schon bald im Haus und verwöhnte Timo nach Strich und Faden. Sie war ihm eine fröhliche, warmherzige, aufmerksame Vorbildmutter, das genaue Gegenteil von mir. Dawn wurde mein personifiziertes schlechtes Gewissen. Mich behandelte sie korrekt, doch ohne jede Spur von Freundlichkeit. Ich weiss, man kann es ihr nicht verübeln. Als Timo anderthalb Jahre alt war, fing er an zu fremden und klammerte sich schreiend an Dawn, wenn ich ihn auf den Arm nehmen wollte. Es war offensichtlich, dass meine Anwesenheit die perfekte kleine Familie stresste und alle froh waren, wenn ich wieder ging. Meine Besuche wurden seltener.

Als Gian-Luca und Dawn heirateten und offiziell das Sorgerecht für Timo beantragten, hatte ich keine Chance. Ich musste froh sein, dass nicht alle meine Unterlassungen auf den Tisch kamen. Zudem sicherten mir die beiden ein unbeschränktes Besuchsrecht zu, was sich vor Gericht gut machte. In Wirklichkeit waren sie erleichtert, dass ich immer seltener bei ihnen auftauchte und schliesslich ganz weg blieb. Später adoptierten sie Timo. Da ich mich nicht ernsthaft um das Kind gekümmert hatte, so das Beamtendeutsch, hatte ich dazu nichts zu sagen.  Aus Trotz hatte ich in der Zwischenzeit Alois geheiratet, obwohl er mich zu dem Zeitpunkt bereits tödlich langweilte. Umgekehrt war dies wohl auch der Fall, denn Alois sass schon bald wieder in den Cafés, auf der Suche nach einsamen jungen Frauen. Ich hätte Timo auch jetzt kein Zuhause bieten können, mein Mann mochte keine Kinder. Unsere Ehe hielt nicht lange, doch wir trennten uns in Freundschaft. Ich war erwachsen geworden. Meine Oberflächlichkeit und Leichtlebigkeit hatten einer deprimierten Ernüchterung Platz gemacht. Ich war noch keine 22 Jahre alt, geschieden, ohne abgeschlossene Ausbildung und mit einem Kind, welches ich schmählich im Stich gelassen hatte und nicht sehen konnte. Ich war nicht stolz auf mich.

Alois beschloss, nach Österreich zurück zu kehren, doch er wollte mich nicht so perspektivlos zurück lassen. Da wir nur kurz verheiratet gewesen waren, musste er mir trotz seines Vermögens nur für wenige Jahre Unterhalt bezahlen. Durch seine Beziehungen schaffte er es jedoch, mich bei der Frauenzeitschrift als Praktikantin unterzubringen, die ich heute leite. Bevor Alois die Schweiz endgültig verliess, überschrieb er mir das Haus am Waldrand, als Dank dafür, dass ich ihm die Scheidung so einfach wie möglich gemacht hatte. Und aus Respekt davor, wie hart und zuverlässig ich nun arbeitete für meinen winzigen Lohn.

Mehrere Jahre lang hatte ich das Glück, dass eine ehemalige Nachbarin den Kontakt zu mir Aufrecht erhielt. Sie war jung wie ich und hatte ein gewisses Verständnis für meine Situation. Sie berichtete mir ab und zu, wie Timo sich entwickelte. Manchmal gab es sogar ein Foto, aufgenommen auf dem Spielplatz oder an einem Quartierfest. Dann zog die Nachbarin weg und ich versuchte immer wieder, Timo wie zufällig über den Weg zu laufen, wenn er aus der Schule kam. Es gelang mir nicht allzu oft und wenn, war er von einer Gruppe anderer Jungs umgeben und erkannte mich nicht. Ich versuchte, ihn zu vergessen und kniete mich in meine Arbeit.“

Mona hatte mich während dem Sprechen nicht angesehen. Nun drehte sie sich zu mir: „Hast du Kinder, Wispy?“ „Ich habe einen tollen Sohn, eine süsse Enkeltochter und eine sehr geliebte Schwiegertochter…“ Eine Welle von Sehnsucht nach den dreien stieg in mir hoch und ich konnte für den Moment nicht weiter sprechen. Mona sah mich fragend an. „Sie wohnen in Rom und ich sehe sie nur selten“, seufzte ich. „Dann muss ich dir nichts erklären“, sagte Mona und tönte fast zufrieden, „sein eigenes Kind zu vergessen, auch wenn es bereits erwachsen ist, ist unmöglich. Es ist, als versuchte man das Atmen zu vergessen. Es geht nicht.“ Wir schwiegen eine Weile und beobachteten die Spatzen, die sich lauthals um ein zerdrücktes Stück Sandwich auf dem Boden stritten. „Wie hast du den Kontakt zu Timo wieder aufgenommen?“ fragte ich schliesslich. „Ich hatte mir alle möglichen Szenarien ausgedacht, doch da ich nicht wusste, ob Timo von mir wusste, liess ich alle Ideen nach und nach wieder fallen. Dann kam mir an Ostern vor drei Jahren der Zufall zu Hilfe. Ich hatte mit einer Freundin in einem gepflegten Restaurant zu Mittag gegessen und ging soeben auf den Vorplatz, um eine Zigarette zu rauchen, als ein kleiner Transporter auf den Platz fuhr. Vier junge Männer sprangen heraus und holten aus dem Anhänger zwei süsse kleine Lämmchen und ein Zicklein. Vorsichtig nahmen drei von ihnen je ein Tierbaby auf die Arme und gingen ins Restaurant, ich neugierig hinterher. Der vierte junge Mann blieb im Auto sitzen, bei laufendem Motor.

Die Männer gingen mit den leise blökenden Tieren zwischen den Tischen durch und fragten: „Wie viele Portionen Lamm oder Zicklein braucht es noch? Wer wartet noch auf sein Essen? Wir bringen diese drei gleich in die Küche zum Schlachten.“ Dabei kraulten sie die kleinen Köpfchen und flüsterten den Tieren etwas ins Ohr. Die Reaktion der Gäste war erstaunlich. Obwohl sie genau diese Tiere auf ihren Tellern hatten – wie auch ich zuvor – fingen einige Frauen an zu schreien und zu weinen und die Männer schienen durchs Band unangenehm berührt. Eine Frau rannte aufs Klo. „Was habt ihr denn?“ fragten die jungen Männer verwundert, „dachtet ihr, das Fleisch auf euren Tellern sei auf Bäumen gewachsen? Keine Angst, diese Kleinen können sich nicht wehren, wenn sie gleich für euch sterben.“  Die Kellnerin rief laut nach dem Wirt. Dieser kam aus der Küche und befahl den Männern, sofort das Restaurant zu verlassen. Doch sie machten in aller Ruhe ihre Runde um die Tische fertig. „Die haben hier ohnehin Hausverbot, ich rufe die Polizei“, versicherte der Wirt den Gästen. Daraufhin verliessen die jungen Männer das Restaurant und luden die jungen Tiere behutsam wieder in den Anhänger. Ich stand immer noch bei der Eingangstür. „Schreib die Autonummer auf“, rief der Wirt seiner Angestellten zu, die daraufhin zur Tür gelaufen kam. Doch ich nahm ihr Zettel und Stift aus der Hand und behauptete, die Nummer hätte ich mir bereits gemerkt. Während der Wagen wegfuhr, schrieb ich irgendwelche Zahlen auf. Es erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass ich seither einen weiten Bogen um dieses Restaurant mache.“ Sie schwieg. „Einer der Männer war also Timo?“ fragte ich schliesslich. Erst jetzt merkte ich, dass Mona um ihre Fassung rang. „Mir liefen die Tränen übers Gesicht“, sagte sie schliesslich leise. „Doch dies fiel im allgemeinen Durcheinander nicht auf, mehrere Gäste hatten immer noch feuchte Augen. Auch wenn mir der Anblick der schutzlosen Tierbabys ebenfalls eingefahren war und ich das Bild bis heute nicht mehr aus meinem Kopf bringe, weinte ich aus einem anderen Grund. Der Fahrer und ich hatten einen kurzen Blick gewechselt. Ich hatte ihn sofort erkannt. Es war mein Sohn.“

„Danach war es ziemlich einfach“, erzählte Mona weiter. „Ich habe das Internet, Twitter und Facebook nach Tierschutzaktivitäten durchsucht und bin überall hingegangen. Meist nur als Zuschauerin, doch ab und zu bin ich mit einbezogen worden und eines Tages stand plötzlich Timo vor mir. Es war eine legale, bewilligte Aktion gegen das Tragen von echtem Fell, und so machte ich Timo das Angebot, ein Interview mit ihm in meiner Zeitschrift zu bringen. Ich versprach ihm, dass wir danach keine Werbung mehr für Pelzmode drucken würden. Zum Glück bin ich in der Position, dies zu entscheiden. Timo sagte zu und nach dem Interview erzählte ich ihm die Geschichte von der falschen Autonummer. Er dankte mir, konnte sich jedoch nicht an mich erinnern. Ich beschrieb ihm mein Haus und machte das Angebot, seine Freunde und er dürften sich dort treffen und ihre Aktionen planen. Ich glaube, er fand mich ein wenig seltsam. Es brauchte denn auch einen kleinen Notfall, bis die Gruppe wirklich anfing, mein Haus zu nutzen.“  Wenn das wahr ist“, fragte ich, noch immer misstrauisch, „wie kommt es, dass Timo deine Gedanken nicht aufgefangen hat? Wir wissen doch alle, dass man nichts lange vor ihm verheimlichen kann.“ „Zum Glück erwähnte Timo im Interview etwas in dieser Richtung“, sagte Mona. „Wie weit es wirklich geht, wusste ich damals noch nicht. Doch ich machte es sofort zu meiner Angewohnheit, an Timo als den Sohn zu denken, den ich gern gehabt hätte. Ich glaube, ich bin damit durchgekommen.“

„Und warum soll ich ihn jetzt über seine Vergangenheit ausfragen? Warum hast du es nicht längst über jemand anderes versucht?“, fragte ich. „Ich war lange Zeit einigermassen zufrieden mit der Situation“, erklärte Mona. „Ich konnte Timo sehen, hören, an seinem Leben teilnehmen. Doch ich musste einen gewissen Abstand halten, denn der Gedanke, wie er reagieren würde, falls er die Wahrheit herausfände, beschäftigte mich bis in meine Träume. Letzten Endes verarschte ich ihn ja eigentlich.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Und dann kam er mit dir an. Er geht anders um mit dir als mit den jungen Frauen, sehr locker, sehr entspannt. Er muss offenbar nicht aufpassen, was er in deiner Gegenwart sagt. Und du ebenfalls nicht. Ich habe dich glühend um eure ungezwungene Nähe beneidet.“ „Deshalb also die Giftelei“, konnte ich mir nicht verkneifen zu bemerken. Sie grinste. „Genau, und es wäre wohl dabei geblieben, hätte er mir nicht kurz darauf Helene vorgestellt.“ „Was ändert denn das?“ wunderte ich mich, worauf sie ungeduldig ausrief: „Alles! Bist du schwer von Begriff, Pusteblume?“ Monas schwacher Moment schien vorbei zu sein. „Stell dir vor, er heiratet diese Frau und sie gründen eine Familie“, fuhr sie fort. „Falls er etwas von mir weiss und mir verzeihen könnte, denkst du nicht, das wären Momente, die er gern mit seiner leiblichen Mutter teilen würde? Es könnte doch sein, diese Hoffnung lasse ich mir nicht nehmen. Ich muss natürlich auch mit dem Gegenteil rechnen, doch dann wüsste ich, woran ich bin und hätte zumindest die Erinnerung an diese schönen Jahre. Wenn es so ungewiss bleibt wie jetzt, muss ich Ausreden suchen, um weder an einer Hochzeit noch an anderen Familienfeiern dabei zu sein, damit seine Eltern mich nicht sehen. Ich bin sicher, dass sie mich sofort erkennen würden. Und wenn Timo mich dann als die Frau vorstellt, bei der er seit Monaten viel Zeit verbringt, ohne zu wissen, wer sie ist…ich weiss nicht, mit welchen Reaktionen von allen Beteiligten ich dann rechnen müsste.“

„Was ist eigentlich mit deinem Namen?“ fragte ich. „Der müsste Timo aufgefallen sein, falls er von dir weiss.“ „Meinen jetzigen Nachnamen habe ich von Alois. Gian-Luca weiss nicht, dass ich ihn später geheiratet habe, der Name Mona Wagner wird ihm nichts sagen.  Er kannte mich als Ramona Frei. Doch wenn Timo mich ernsthaft gesucht hätte, hätte er mich natürlich gefunden. Dieser Gedanke hielt mich immer wieder davon ab, mit ihm über uns zu reden oder seinen Vater anzurufen. Ich wollte erst erreichen, dass Timo mich kennt und mag. Apropos Mona…unsere jungen Freunde denken, dies komme von Monika. Kann sein, dass ich das Missverständnis ein wenig gefördert habe.“ Mona musste lächeln. Dann wurde sie wieder ernst, stand abrupt auf und schaute auf die Uhr. „Ich muss zur Arbeit zurück. Also, lass dir etwas einfallen und gib mir so bald wie möglich Bescheid.“ Der neuerliche Befehlston ärgerte mich. „Eine ziemlich unmögliche Aufgabe, findest du nicht?“ schnauzte ich zurück. Sie verengte die Augen zu Schlitzen: „Dann lass uns hoffen, dass dein Gehirn nicht so flaumig ist wie dein Haar.“ Sie war wieder die alte Mona, kein Zweifel. Ich erhob mich ebenfalls und nahm meine Jacke von der Bank. Als ich mich wieder umdrehte, hatte Mona ein Couvert in der Hand. „Hier“, sagte sie kurz und legte es auf die Bank, bevor sie, ohne sich nochmals umzudrehen, davon stöckelte. Ich war noch immer nicht sicher, ob ich ihr glauben sollte. Vielleicht hatte sie sich diese Geschichte nur ausgedacht, weil sie so gern einen Sohn gehabt hätte. Ohnehin hatte ich keine Ahnung, wie ich an die gewünschten Informationen kommen könnte, selbst wenn die Geschichte wahr wäre. Ganz abgesehen davon hatte ich keinerlei Lust, Mona bei der Verarschung von Timo, wie sie es selbst genannt hatte, behilflich zu sein. Es war schlimm genug, dass ich dieses Gespräch für mich behalten musste.

Ich setzte mich wieder auf die Bank und hing eine ganze Weile meinen Gedanken nach. Dann öffnete ich das Couvert. Es enthielt ein weisses Blatt Papier mit sechs ausgedruckten Fotos drauf. Alle zeigten Timo, als kleines und als etwas grösseres Kind. Ich erkannte ihn sofort wieder, eine süsse Miniaturform des jungen Mannes, den ich kannte. Die Fotos der Nachbarin! Die Geschichte war also echt und ich hatte somit ein wirkliches Problem.

Auf dem Papier klebte ein gelber Post-it Zettel. Darauf hatte Mona in ihrer engen Schrift geschrieben: „Deine Hilfe gegen ein Heim für Destiny mit ihren Jungen.“ Nun hatte ich sogar ein Riesenproblem und der einzige Mensch, dem ich es unbedingt erzählen wollte, durfte nichts davon wissen. Hilfesuchend schaute ich zur Brunnenfigur hoch. „Ich weiss, ihr hattet damals grössere Sorgen, doch hast du einen Tipp für mich?“ Die Spatzen hatten ihr Gezänk aufgegeben und flogen auf den Brunnenrand. Einer flatterte bis zum Helm der kämpferischen, als Mann verkleideten Heldin aus dem 13. Jahrhundert, setzte sich auf dessen Rand und liess aus luftiger Höhe einen feuchten, weissen Klacks auf den Boden fallen. „Scheiss einfach drauf, meinst du..?!“ Wenn es doch nur so einfach wäre.

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Destiny und die Zukunft

-11-

Den Anfang verpasst? Hier geht’s zum ersten Teil.

Am nächsten Morgen erwachte ich vom Läuten des Telefons. Jetzt, nachdem Destiny gefunden worden war, hatte ich gut geschlafen und selbst Bella hatte mich nicht wie üblich früh geweckt. Dies beunruhigte mich einen kurzen Moment lang und noch bevor ich den Hörer abnahm, vergewisserte ich mich, dass meine kleine Katze friedlich schlummerte und tief und gleichmässig atmete. Meine Ruhe hatte sich wohl auf sie übertragen.

„Wenn Mona am Apparat ist, hänge ich gleich wieder auf“, nahm ich mir vor und freute mich sehr, stattdessen Lillys fröhliche Stimme zu hören. Ich hatte sie vermisst. „Möchtest du mich in die Tierarztpraxis begleiten?“ fragte sie. „Timo kommt später auch. Wir wollen besprechen, was mit der Hündin geschehen soll. Ich selbst habe sie noch gar nicht gesehen, da ich gestern nicht dabei sein konnte.“ Ich sagte zu und wir beschlossen, uns in einer Stunde zu treffen. Ich wurde fast ein wenig aufgeregt während ich duschte und mich bereit machte. Endlich würde ich diesen berühmten Doktor kennen lernen, von dem ich schon so viel gehört hatte. Ich war sehr gespannt auf ihn.

Lilly umarmte mich herzlich zur Begrüssung. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Lola, welche ich bisher nur in dunklen, düsteren, tief ausgeschnittenen Kleidern gesehen habe, sah Lilly zauberhaft aus in ihrem luftigen, farbigen Sommerkleid.  Während wir vor der Praxis auf Timo und Buddy warteten, überlegte ich hin und her, ob ich Lilly von Monas Kontaktaufnahme erzählen sollte. Doch da ich keine Ahnung hatte, wie sie und Mona zueinander standen, liess ich es bleiben. Ohnehin tauchten kurz vor Timo  überraschend Patrick und Johanna auf und ich vergass Mona für den Moment. Als wir vollzählig waren, öffnete Lilly die Tür zur Praxis. Der Doktor kam uns strahlend und mit ausgestreckter Hand entgegen. „Ich freue mich sehr, endlich Lolas Freunde kennen zu lernen“, sagte er. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, dachte ich bei mir und musste schmunzeln. Dieser junge Mann gefiel mir sehr gut. Ich erwischte mich beim Gedanken, dass ich, wenn ich jünger wäre, wohl täglich einen Grund finden würde, um meine Katze zu ihm zu bringen. Er sah sehr seriös aus in seinem weissen Kittel, der einen Kontrast bildete zu seinen dunklen Haaren und Augen, doch um seinen Mund schien ständig ein amüsiertes Lächeln zu spielen. Lilly sah mich grinsend an. „Wow“, machte ich mit einer lautlosen Mundbewegung, so, dass nur sie es sehen konnte. „Ich weiss“, formten ihre Lippen zurück und sie blinzelte mir zu. Lola war im Nebenzimmer und kümmerte sich um Destiny. Nun brachte sie sie zu uns ins Untersuchungszimmer und setzte sie auf den Behandlungstisch. Die Hündin war kaum wieder zu erkennen. Ihr Fell war goldbraun und stand in luftigen kleinen Büscheln ab. Am runden Bäuchlein kringelten sich die Haare zu Locken. Ich verliebte mich augenblicklich in sie. Destiny schaute vorsichtig mit ihren ausdrucksvollen Augen in die Runde und wedelte ganz leicht mit dem Schwanz, drückte sich jedoch weiterhin schutzsuchend an Lola. Alle lachten, als Timo leicht an meinen Haarbüscheln zupfte. „Dein Hund, Wispy. Ihr habt offenbar bereits denselben Friseur.“ „Sagst ausgerechnet du“, witzelte Lilly. „Wenn man dich und Buddy von hinten sieht, denkt man, ihr seid Zwillinge.“ Timo schaute überrascht, ihm war dies offenbar gar nicht aufgefallen. Ich seufzte. „Ach, ich wünschte, ich könnte sie zu mir nehmen. Doch da ist Bella und ich weiss nicht, wie sie auf Hunde reagieren würde. Zudem ist deren Haltung in unserem Haus sowieso verboten. Eine ganze Hundefamilie könnte ich wohl schwer verstecken.“

Während wir redeten, streichelten Lola und der Doktor Destiny ununterbrochen. Ihre Hände bewegten sich langsam und gleichmässig, ohne sich je zu berühren. Dies war offensichtlich nicht das erste Tier, welches von ihnen gemeinsam beruhigt wurde. „Destiny wurde wahrscheinlich von jemandem ausgesetzt, der erst auf der Reise bemerkt hat, dass sie trächtig ist. Bis zu den letzten Wochen, wenn der wachsende Bauch nicht mehr zu übersehen ist, kann es schwierig sein, zu erkennen, ob eine Hündin Junge erwartet“, erklärte der Doktor. „Sie trägt keinen Chip und kommt wahrscheinlich aus dem Ausland. Das Restaurant hatte zwei Tage zuvor noch geöffnet, vermutlich dachten Destinys Besitzer, dass sie am nächsten Morgen vom Personal oder den ersten Gästen gefunden würde. Nicht, dass es das besser macht! Doch zumindest wollten sie nicht ihren Tod, sonst hätten sie nicht Futter und Wasser zurückgelassen. Es geht Destiny den Umständen entsprechend zufriedenstellend. Sie war dehydriert und ausgehungert und braucht noch Pflege, doch sie ist soweit gesund und ihren ungeborenen Jungen scheint es ebenfalls gut zu gehen. Ich rechne mit drei bis vier Welpen, doch mit 100%iger Sicherheit konnte ich deren Anzahl per Ultraschall nicht feststellen. Dazu hätte ich Destiny unter Vollnarkose röntgen müssen, eine Strapaze, die ich dem armen Tier nun nicht auch noch zumuten wollte.“

Ich beschloss auf der Stelle, den bedeutend längeren Weg in Kauf zu nehmen und meine Bella nur noch zu diesem Tierarzt zu bringen. „Schade habe ich keine Tochter“, dachte ich, „dies wäre mein Traumschwiegersohn.“ Lilly lächelte mich verschmitzt an, als ob sie meine Gedanken gelesen hätte. Ich wurde verlegen und konzentrierte mich schnell auf Destiny. Die Frage war nun, wer kannte jemanden, der die Hündin aufnehmen würde? In ein Tierheim würden wir sie keinesfalls geben, da waren wir uns einig. Wir wollten sicher sein, dass sie eine schöne Zukunft vor sich hatte und wir wollten sie auch weiterhin sehen können.

Offenbar ist es alles andere als einfach, einen Hund zu platzieren, erst recht eine trächtige Hündin. Wir gingen in Gedanken alle unsere Bekannten durch. Die einen hatten bereits einen Hund, andere durften keinen halten oder mochten Hunde nicht. „Für die Jungen finden wir sicher später gute Plätzchen“, meinte Lola, „ich kann hier in der Praxis ein kleines Plakat aufhängen. Doch für die ersten paar Wochen übernimmt man mit Destiny einen anspruchsvollen Fulltime-Job, dies kann nicht bestritten werden.“

Wir fanden keine Lösung. „Ok“, sagte der Doktor schliesslich, „bitte bring Destiny wieder ins andere Zimmer, Lola. Mein nächster Patient wird jeden Moment hier sein. Morgen gehe ich meine Kundenkartei durch, vielleicht finde ich jemanden. Destiny kann ein paar Tage lang hier bleiben, die Geburt steht noch nicht unmittelbar bevor. Nachts nehme ich sie natürlich mit nach Hause, man weiss ja nie.“ Wenn er mein Herz nicht bereits erobert hätte, hätte er es jetzt getan. Auch die anderen schauten ihn dankbar an. „Wir werden heute Abend weiter diskutieren“, beschlossen alle einstimmig. „Wo?“ fragte ich und realisierte augenblicklich, dass dies für meine Freunde eine überflüssige und eigenartige Frage war. „Bei Mona natürlich. Soll ich dich abholen?“ fragte Timo. „Nein!“, entfuhr es mir lauter, als ich gewollt hatte. Ich meinte, nein, nicht bei Mona, doch Timo fasste es anders auf. „Auch gut, wenn du den Weg bereits selber findest, musst du dich zeitlich nicht festlegen. Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn du doch möchtest, dass dir jemand entgegen kommt. Nachtessen gibt es immer ungefähr um 19.00 Uhr.“

Tief in Gedanken machte ich mich auf den Heimweg. Lilly hatte sich entschuldigt, sie hatte noch einiges zu tun an ihrem freien Tag. Timo und Patrick hatten beschlossen, zusammen Mittagessen zu gehen. Ich war schon fast bei meiner Tramhaltestelle angekommen, als ich plötzlich von einem Geschäft auf der anderen Strassenseite angezogen wurde, ohne zu wissen wieso. Ich ging hinüber und schaute mir die Schaufenster an. Es war eine kleine, antiquarische Buchhandlung mit unübersichtlicher Auslage. Da ich sehr gern lese, war ich interessiert, doch dies waren vor allem Fachbücher über Psychologie und Lebensführung. Daneben, was mir irgendwie unpassend schien, lagen einige Bücher über Zauberei. Ich wollte weitergehen, fühlte mich jedoch wie auf dem Gehsteig festgehalten, ohne zu verstehen wieso. Plötzlich bewegten sich auf einem der Bücher die Flügel eines Schmetterlings. Für einen kurzen Moment glaubte ich wirklich an Zauberei, denn ich hatte das zarte Flatterwesen für ein Foto auf dem Buchumschlag gehalten. Doch nun sah ich, dass es ein lebender Schwalbenschwanz war, der wohl unbemerkt in den Laden und ins Schaufenster geflogen war und den Weg zurück kaum mehr selber finden würde. „Na, hast du mich gerufen?“, fragte ich ihn. „Natürlich hole ich dich hier raus. Nach einer trächtigen Hündin nun ein Schmetterling“, dachte ich lächelnd.  „Ich backe neuerdings wohl kleinere Brötchen. Mir soll’s recht sein. Hunde haben wir für den Moment genug.“

Als ich die ziemlich düstere und muffige Buchhandlung betrat, deren Tür beim Öffnen eine laute Melodie spielte, war ich sehr gespannt, wen ich da antreffen würde. Ich stellte mir einen alten, buckligen Mann vor, der womöglich gern durchschaubare Zaubertricks vorführte und war sehr überrascht, als mich eine Frau begrüsste, die wohl nicht viel jünger war als ich. Dies bemerkte ich jedoch erst auf den zweiten Blick, denn sie bewegte sich sehr lebhaft und war in farbenfrohem Stil angezogen. Wenn sie umher ging, flatterten eine Menge bunter, dünner Stoffe um ihren Körper. Ihre Haare waren zwar weissgrau, jedoch dicht, lang und wellig, was ihr ein jugendliches Künstleraussehen verlieh. Mit einem Schlag fühlte ich mich wie eine graue Maus, bieder und farblos. Ich würde besser in diesen staubigen, alten Laden passen als dieses farbenfrohe Geschöpf.

„Kann ich behilflich sein, oder möchten Sie sich ein wenig umschauen?“ riss mich die Frau aus meinen Gedanken. Mir kam es vor, als ob sie mich kurz gemustert hätte und nun aus irgendeinem Grund enttäuscht sei. Dieses Gefühl wurde noch stärker, als ich ihr erklärte, dass ich nur den Schmetterling aus ihrem Schaufenster befreien wollte. Trotzdem war sie hilfsbereit und gab mir ein Blatt Papier, welches ich unter den Falter schieben konnte. Ich ging damit vor die Tür und sah zu, wie der Schwalbenschwanz augenblicklich steil und sehr zielstrebig gegen den Himmel flog. „Du willst wohl so schnell wie möglich weit weg, pass von jetzt an besser auf dich auf“, rief ich ihm noch nach. Nach kurzem Zögern ging ich in die Buchhandlung zurück und nahm nach einigem Stöbern ein schmales, bebildertes Bändchen über Schmetterlinge mit zur Kasse. Es war nicht so, dass Sommervögel nun mein neues Hobby werden sollten, doch ich wollte mich für die Hilfe bedanken, indem ich etwas Kleines kaufte. Ich blätterte das Büchlein kurz durch. Alle machen sich schön, dachte ich plötzlich beim Anblick der farbenfrohen Falter und beobachtete unauffällig die Buchhändlerin, die mir auch fast wie ein Schmetterling vorkam, wie sie sich leichtfüssig in ihren flatternden Stoffen durch den Laden bewegte. Meine eigenen Kleider waren durchs Band unauffällig, praktisch, bequem – und extrem langweilig, realisierte ich nun und nahm mir vor, mir wieder einmal ein paar neue Sachen zu leisten. Das Büchlein kostete nur ein paar Franken. Ich hätte gern ein Gespräch mit der Buchhändlerin  angefangen, doch sie blieb reserviert, wenn auch freundlich. Als ich mich zum Gehen wandte, hatte ich das Gefühl, dass sie insgeheim aufatmete.

Monate später, als ich sie sehr gut kennen gelernt hatte, fragte ich sie einmal danach. Sie lachte und gestand mir, da sie zu jener Zeit soeben diese alte Buchhandlung von ihren Brüdern übernommen hätte, sei sie auf Umsatz angewiesen gewesen. „Ich wollte die Räume so schnell wie möglich renovieren und hell streichen lassen. Der abgetretene Boden musste ersetzt werden. Ich würde jemanden einstellen müssen, um Ordnung ins Lager und in den Laden zu bringen. Es gab nebenher viel Administratives für mich zu tun und ich hatte eingesehen, dass ich es nicht allein schaffen konnte. Ich wollte alles moderner, schöner, fröhlicher machen. Ich hatte viele Ideen und kein Geld. Damals dachte ich noch, es gehe ohne Bankdarlehen.“ „Und als ich reinkam…?“ fragte ich, doch ich konnte mir die Antwort denken. Sie legte mir entschuldigend die Hand auf den Arm und drückte ihn. „Du warst an dem Tag erst die zweite Kundin. Der erste war ein Student, der eine Stunde lang im Laden blieb, so dass ich nichts anderes erledigen konnte in dieser Zeit. Er sah sich viele Bücher an, las stellenweise darin und fragte mich schliesslich, ob ich an einem Tausch interessiert sei: seine alten Schulbücher gegen ein paar Zauberbücher. „Zaubern wird dir auch nicht durch die Prüfungen helfen“, versuchte ich zu scherzen, doch auf sein Angebot bin ich nicht eingegangen. Dann kamst du rein und sahst auch nicht nach Bücherwurm aus. Die schauen nämlich nicht mich so genau an, sondern steuern direkt auf die Bücher zu. Ich hatte richtig geraten: Du wolltest nur einen Schmetterling retten. An diesem Morgen realisierte ich frustriert, dass dieses Antiquariat ein schönes Hobby für meine Brüder gewesen war, doch wenn es etwas abwerfen sollte, würde ich viel ändern müssen. Ich fühlte mich von diesem Gedanken überfordert und hatte leider nicht meine beste Laune.“

Als ich an jenem Tag mit dem Büchlein in der Tasche nach Hause fuhr, hatte ich die Buchhandlung jedoch bald wieder vergessen. Ich hatte absolut keine Lust, später zu Mona zu fahren, doch verpassen wollte ich die Gespräche über Destiny ebenfalls nicht. Ich fühlte mich für diese Hündin verantwortlich, schliesslich hatte sie mich ausgesucht für ihren Hilfeschrei. Zumindest hatte ich ihn als erste empfangen. Ich konnte sie jetzt nicht ihrem Schicksal überlassen. Nach einigem Hin und Her  gab ich schliesslich Timo Bescheid, dass ich erst nach dem Essen kommen würde. So wenig Zeit mit Mona verbringen wie möglich, nahm ich mir vor, bis sie realisieren würde, dass ich nicht im Traum daran dachte, sie hinter dem Rücken meiner Freunde anzurufen.

Ich hörte ihre Stimme bereits von weitem, als ich am Abend aufs Haus zuging. Offenbar war eine hitzige Diskussion im Gange. Mona tönte schrill.  „Auf gar keinen Fall! Ich will keinen Hund im Haus und schon gar nicht Hunde, Mehrzahl. Schliesslich arbeite ich Vollzeit. Es ist mir egal, wie gut ihr euch das ausgedacht habt, die Hauptarbeit würde trotzdem an mir hängen bleiben.“ Als sie mich um die Ecke kommen sah, hörte Mona auf zu reden. Während mich alle anderen begrüssten, schwieg sie und schaute finster ins Feuer. Es waren mehr Leute in der Runde als das letzte Mal, ich kannte sicher die Hälfte davon nicht. „Gut“, sagte Timo, als ich mich gesetzt hatte, „wir brauchen ein neues Brainstorming.“ „Gut“ nennst du das“, murrte Patrick leise, der offenbar meine Antipathie für Mona teilte. Wir tauschten einen raschen, verschwörerischen Blick aus. Leider war zwei Stunden später noch immer keine Lösung gefunden. Wir hatten alle Freunde und Bekannte angerufen, doch niemand war bereit, eine trächtige Hündin zu übernehmen. Einige sagten nein wegen ihrer Katzen oder den kleinen Kindern, andere weil sie allergisch auf Tierhaare reagierten oder, wie Timos Eltern, weil sie gerade eine längere Reise gebucht hatten. Viele wollten zeitlich unabhängig bleiben oder waren schlicht zu wenig zu Hause, um sich angemessen um ein Tier kümmern zu können. Als Mona ihre Zigarettenpause auf der Terrasse machte, zeigte Timo mit dem Kopf auf sie und sagte nachdenklich: „Vielleicht können wir sie überzeugen, indem wir ihr mehr konkrete Hilfsangebote machen.“ Sofort kamen viele Ideen zusammen. Alle würden mithelfen, den Hunden einen umzäunten Auslauf zu bauen hinter dem Haus. Albert wäre sicher einverstanden, die Tiere am frühen Morgen zu füttern und bei gutem Wetter ins Freie zu lassen. Mit einem Wochenplan könnten wir sicherstellen, dass an jedem Vormittag jemand von uns bei den Hunden wäre. „Albert hat seine Tour meistens kurz nach Mittag beendet“, wusste Patrick. „Er schaut bestimmt zu den Tieren, bis wieder einer von uns da ist. Wenn die Welpen erst platziert sind, wird es sowieso einfacher. Dann können wir Destiny tagsüber mitnehmen.“

Als Mona sich wieder zu uns gesetzt hatte, hörte sie sich diese Vorschläge schweigend an.  „Du hättest kaum Arbeit mit den Hunden, Mona, und du hast doch so ein gutes Herz“, schmeichelte Timo. Patrick und ich tauschten einen weiteren Blick aus und verdrehten die Augen. „Wenn die Welpen gross genug sind, finden wir gute Plätze für sie“, fuhr Timo fort. Vielleicht magst du Destiny dann behalten, sonst bleibt sie bei einem von uns.“  Alle nickten begeistert, nur Mona schüttelte hartnäckig den Kopf. „Ich mache viel für euch, doch Hundehaare in der Wohnung und wenn möglich auf meinen Kleidern kann ich nicht gebrauchen. Auch dieser Sommer wird vorbeigehen und einen Hund im Winter ausschliesslich im Freien zu lassen, halte ich für Tierquälerei. Zudem ist mir meine Nachtruhe heilig. Da hört für mich der Spass auf. Also: nein! Sucht eine andere Lösung.“ Damit stand sie auf, stellte energisch und mit viel Geklirr das benutzte Geschirr zusammen und trug es ins Haus.

Rundum enttäuschte Gesichter, niemand sagt etwas. Alle schauten Timo an. Er schüttelte den Kopf und sagt schliesslich leise: „Ich glaube nicht mehr daran, dass wir Mona überreden können. Ihre Meinung scheint festzustehen.“ Schweigend tranken wir den Kaffee, den Johanna uns geholt hatte. Es wurde kühler. Ich ging ins Haus, um meine Jacke zu holen und erschrak richtig, als plötzlich Mona vor mir stand. „Hast du jemandem davon erzählt?“ zischte sie, und es war klar, wovon sie sprach. „Nein, doch ich habe absolut nicht im Sinn, mit dir allein zu reden“, gab ich ärgerlich zur Antwort. Mona war mir an diesem Abend nicht sympathischer geworden. Nun drehte sie sich wortlos um und stöckelte Richtung Sitzplatz. Ich benutzte das Badezimmer, bevor ich ebenfalls langsam zu den Freunden zurück ging, um mich verabschieden und danach heimzufahren. „Ich habe es ihnen bereits erzählt“, rief mir Mona stattdessen entgegen, „dass du mir die Hunde vorhin so überzeugend ans Herz gelegt hast, dass ich es mir doch nochmals überlege.“ Während ich verwirrt versuchte zu verstehen, was sie meinte, schauten mich alle hoch erfreut an und klatschten. Und so sah niemand ausser mir, wie Mona mich direkt ansah, spöttisch fragend ihre Augenbrauen hochzog und mit der linken Hand die Geste fürs Telefonieren machte. Dann drehte sie die offenen Handflächen gegen den Himmel und zuckte mit den Schultern. Es war klar, dass sie ihre Antwort von mir abhängig machen würde. „Ich habe Wispy jedoch erklärt, dass ich definitiv ihre Hilfe brauchen werde. Schliesslich hat sie mich zur Hundehaltung überredet, sie soll auch etwas beitragen. Zeit hat sie bekanntlich. Wenn sie also ja sagt…“ warf Mona mit harmloser Stimme in die Runde. Mir blieb die Luft weg angesichts so viel Kaltschnäuzigkeit. Sie fragte mich doch tatsächlich vor allen, doch nur ich wusste, was sie wirklich meinte. „Du siehst völlig überrumpelt aus, Wispy“, sagte Timo und umarmte mich. „Du hättest offenbar selbst nicht erwartet, dass ausgerechnet du Monas Herz erwärmen kannst. Wir auch nicht, ehrlich gesagt. Du hilfst ihr doch, oder? Wie wir alle?“ Ich sah in seine strahlenden, glücklichen Augen, sah die goldbraungelockte Destiny vor mir mit Lola und ja, auch dem attraktiven Tierarzt. Diese drei schienen mich ebenfalls erwartungsvoll anzusehen. Mir war klar, dass Mona gewonnen hatte. „Wie könnte ich da nein sagen“, murmelte ich und versuchte, nicht mit den Zähnen zu knirschen.

„Wenn Blicke töten könnten“ klang plötzlich wie eine Herausforderung, die ich nur zu gerne angenommen hätte.

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Freund und Feind

-10-

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Auf der Hinterseite des Hauses war eine grosse, hölzerne Veranda. Die eine Ecke füllte eine sperrige Hollywood Schaukel aus, die offenbar schon bessere Zeiten gesehen hatte. Vor der Balustrade standen zwei behäbige Schaukelstühle. Im einen sass ein älterer Mann und hatte die Füsse aufs Geländer gelegt. Als er uns sah, sprang er rasch auf zur Begrüssung. „Na Albert“, lachte Timo, „wieder einmal sogar zum Schaukeln zu müde?“ Albert war Monas Untermieter und zugleich der Postbote dieser Gegend, erfuhr ich. Da er sehr zeitig aufstehen musste, wurde er abends meistens früh müde. Dennoch war er gern um die Jungschar herum, wie er sie nannte. „Ich mag Betrieb, sofern ich einfach zuhören darf und nichts beisteuern muss. Ich bin oft tatsächlich zu müde zum Reden am Abend. Manchmal schlafe ich in einem Stuhl ein, das stört hier niemanden. Die nehmen mich, wie ich bin.“ „Setz dich ruhig wieder hin, Albert“,  sagte Timo, „Wispy und ich gehen ohnehin zum Grillplatz.“

Dazu mussten wir von der Veranda aus ein paar Schritte durch einen kleinen Garten gehen. Ich konnte mir Mona beim besten Willen nicht beim Gärtnern vorstellen. Ich sah sie im Geist in ihren Pumps zwischen den Tomatenstauden kauern, die zerlaufene Schminke mit Erde verschmiert und die manikürten Finger voller Dreck. Unwillkürlich musste ich vor mich hin schmunzeln. „Ganz so unfähig wäre sie wahrscheinlich nicht“, lachte Timo und stiess mich in die Seite, „doch du hast Recht, sie reisst sich nicht um die Gartenarbeit. Albert erledigt diese und andere Arbeiten rund ums Haus, dafür muss er nur eine kleine Miete bezahlen. Win-Win, sozusagen.“ Mist, ich hatte wieder einmal vergessen, dass ich für Timo manchmal ein offenes Buch war. Ich nahm mir vor, besser aufzupassen, was ich über Mona dachte, ich wollte es mir schliesslich nicht verderben mit ihm.

Hinter dem Garten ging es ein paar Steinstufen durch die Wiese hoch und von dort führte ein Trampelpfad zum Grillplatz unter den Bäumen. Um einen massiven Steintisch herum waren verschiedene Bänke und Stühle gruppiert. Schon von weitem hatte ich Lola erkannt. Sie war mit drei Männern dabei, Essen vorzubereiten und den Tisch zu decken. Bei der Feuerstelle stand eine sehr jung aussehende Frau mit kurzem, blondem Strubbelhaar und viel dunklem Augen Make-up.  Sie legte gerade verschiedenes Grillgemüse,  Kartoffeln, Maiskolben, grosse Champignons und etwas, das wie gefüllte Auberginen aussah, in Grillschalen und bepinselte alles vorsichtig mit einer Sauce. Sie war offenbar mitten in einer Erzählung und, angefeuert vom Lachen der Freunde, machte sie mit theatralischen Gesten weiter. „Und das war nur meine Mutter! Der arme Kerl musste doch wirklich noch meinem Vater in die Arme laufen und der genoss es natürlich, ihn hochzunehmen. Ihr kennt meinen Vater, er kann den grössten Stuss erzählen und absolut todernst bleiben dabei. So viel zu meiner neuen, zartknospenden Liebesbeziehung. Sven wird nie wieder mit mir ausgehen wollen, bei der Familie.“ Sie verwarf ihre Hände und meinte das Ganze wohl nicht so ernst. „Was hat dein Vater denn gesagt?“ wollten alle wissen. „Er hat ihn ganz finster angesehen und gefragt: „Junger Mann, ist Ihnen klar dass meine Tochter seit neuestem Veganerin ist? Und da tragen Sie eine Frisur mit Koteletten? Wie unsensibel!“ Und als Sven ihn verblüfft mit offenem Mund anstarrte, hob er noch den Drohfinger: „Zudem müssen Sie wissen, dass meine Tochter aus Tierschutzgründen keine Schmetterlinge im Bauch haben darf. Von Hummeln im Hintern gar nicht zu sprechen!“ „Du wirst hier oben viel Quatsch hören“, warnte mich Timo über das allgemeine Gelächter hinweg. „Es gilt die Regel, dass zumindest bis nach dem Essen nicht über das Elend der Welt oder Tierquälereien gesprochen wird und dass diese Themen auch nachher auf ein Minimum zu beschränken sind. Wir besprechen und organisieren unsere Aktionen in der Regel zweimal wöchentlich, dann müssen natürlich die Fakten und Tatsachen auf den Tisch. Dampf ablassen ist jederzeit erlaubt und manchmal nötig, doch ansonsten achten wir darauf, dass wir oft etwas zu lachen haben und uns selber nicht zu ernst nehmen. Sonst halten wir nicht aus, was wir manchmal hören und sehen müssen. Man kann leicht verbittert und depressiv werden dabei, nur hilft man damit niemandem und man verliert die eigene Kreativität.“

Buddy hatte längst alle begrüsst und war ausführlich getätschelt worden. Nun stellte mich Timo vor. „Die berühmte Wispy“, rief die blonde Frau, „Bud redet ständig von dir. Ich heisse Johanna. Wenn’s schnell gehen muss, nennen sie mich hier Jo.“ Lola nickte mir kurz zu. Der verwunderte Blick, den sie  Timo zugeworfen hatte, war mir jedoch nicht entgangen. „Wispy hatte einen Traum – einen der unseren“, erklärte Timo. „Es war ein Hilferuf. Irgendwo in der Nähe muss ein Tier eingesperrt oder gefangen sein. Da sie noch keine Erfahrung damit hat, dachte ich, wir zeigen ihr nach dem Essen, wie wir vorgehen, wenn es uns passiert.“ Die Männer waren aufgestanden und schüttelten mir alle die Hand. Zuerst lernte ich Roman kennen, den sie Panda nannten. Er sah behäbig und gemütlich aus, hatte eine auffallend helle Haut, dazu dunkle, fast schwarze Haare, die ihm von beiden Seiten ins runde Gesicht fielen. Mit ein bisschen Fantasie konnte man tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Panda ausmachen. „Unser männliches Schneewittchen“, frotzelte Lola, „fehlen nur noch die blutroten Lippen.“ „Roman ist unser Computer Spezialist, ohne ihn wären wir verloren“, erklärte Timo. „Wenn er uns mal auf einem Flash begleitet, muss er jedoch eine Kopfbedeckung tragen. Er fällt sonst zu sehr auf.“ Unwillkürlich blickte ich zu Lola, deren schrille Aufmachung mich immer noch etwas irritierte. „Ohne die Piercings“, sagte sie kurz. „Und biedere Kleidung mit langen Ärmeln.“ Neben Roman stand ein nervös wirkender, dünner junger Mann mit kurzgeschorenen Haaren, Brille und Bart. Er hiess Uwe, sprach Hochdeutsch und drückte meine Hand so kräftig, dass ich unwillkürlich zusammenzuckte. „Romans deutscher Schatten“, kommentierte Lola. Alle lachten, doch niemand klärte mich auf, zumindest in dem Moment nicht. „Du bist nicht wirklich Timos Grossmutter, wie Mona angekündigt hat, oder?“ fragte stattdessen der dritte Mann und stellte sich als Patrick vor. „Sonst müsstest du mir dein Geheimrezept verraten oder die Telefonnummer deines Schönheitschirurgen.“ „Wispy ist nicht meine Mutter und schon gar nicht meine Grossmutter“, bestätigte Timo, „sie ist mir jedoch in den letzten Monaten eine gute Freundin geworden, weil wir viel Zeit zusammen verbracht haben. Mona hat wohl ihren oberzickigen Tag heute.“ Ich spürte förmlich, wie die anderen die Luft anhielten. Dann schauten sie sich an und lachten. „So etwas zu sagen darf sich nur Timo erlauben“, behauptete Lola, „weil Mona in ihn verliebt ist.“ Allgemeines belustigtes Kopfschütteln rundum. „Lola, jetzt spinnst du“, lachte Timo. „Weisst du, wie alt Mona ist? Ich schätze etwa 20 Jahre älter als ich. Auch sie könnte so gesehen meine Mutter sein. Sie betont doch immer, dass sie sich einen Sohn wie mich gewünscht hätte. Wenn sie Gefühle für mich hat, dann höchstens mütterliche.“ „Und ich habe doch Recht“, behauptete Lola. „Achtet nur mal darauf, wie sie ihn anschaut, wenn sie denkt, dass es niemand merkt. Sie beobachtet ihn ständig durch ihre langen Wimpern. Sie hat fast dieselben Augen wie Timo.“ Dies brachte einen neuen allgemeinen Heiterkeitsausbruch. „Lola, wirklich! Mona hat sich extra lange Wimpern wachsen lassen, um Timo wenigsten ein bisschen zu ähneln? Weil sie verliebt ist? Das glaubst du doch nicht im Ernst. Und wenn es so wäre, müsste sie dann nicht auf euch junge Frauen eifersüchtig sein, statt Wispy anzuzicken? Davon haben wir doch noch nie etwas gemerkt?“ fragte Patrick und Lola musste zugeben, dass er da einen Punkt hatte. „Wir dürfen garantiert nur wegen Timo überhaupt hier sein“, schob sie jedoch noch trotzig hinterher und Patrick tätschelte ihren Arm: „Ja Lola, schon gut, wo du Recht hast, hast du Recht!“ Und fuhr dann fort: „Wenn wir von verliebt sprechen, Timo, wann stellst du uns deine Freundin vor? Die Hübsche mit dem dunklen Afrolook?“ Er deutete mit den Händen eine buschige Frisur um seinen Kopf an. „Meint er Helene, die Schmuck herstellt?“, dachte ich verblüfft. Die anderen schauten Timo ebenfalls überrascht und erwartungsvoll an. Lola schnitt sehr konzentriert ein Brot in Scheiben, doch ich hatte ihren schnellen, verletzten Blick in Richtung Timo wohl gesehen. Der war offenbar überrumpelt und sprachlos. „Wie…warum…wie kommst du darauf?“ fragte er schliesslich kopfschüttelnd und Patrick grinste: „Offenbar haben wir denselben Geschmack in Kinofilmen. Da es ein lustiger Film war, nehme ich nicht an, dass sie sich aus Angst so nah an dich gekuschelt hat.“

Genau in dem Moment kamen  Mona und Albert aus dem Haus und retteten damit Timo, der verlegen war und offenbar nicht wusste, was er sagen sollte. Mona trug eine riesige Schüssel Salat und Albert ein grosses Serviertablett mit Gläsern und Krügen. Sie stellten alles auf den Tisch. „Das Essen braucht nur noch ein paar Minuten“, berichtete Johanna, die offensichtlich für den Grill zuständig war. Mona warf einen Blick auf das farbenfrohe, liebevoll in mehreren Schalen arrangierte Grillgut, welches langsam Farbe annahm und wunderbar duftete. Mir lief schon lange das Wasser im Mund zusammen. Doch dann stand Mona plötzlich so nah neben mir, dass ich fast erschrak. „Nur Grünzeug heute Abend? Wir sind doch keine Kaninchen“, warf sie in die Runde und legte mir überraschend den Arm um die Schulter. „Ich hole jetzt für mich und Wispy hier ein ordentliches Stück Fleisch zum grillieren. Wir sind schliesslich gestandene Frauen und brauchen etwas Bodenständiges zum Essen, nicht wahr Wispy, oder wie immer du richtig heisst?“ „Nein… was, für mich?!“ stammelte ich überrumpelt. „Nein danke, ich esse kein Fleisch.“ „Oh entschuldige, natürlich isst du kein Fleisch, wie dumm von mir“, sagte Mona übertrieben freundlich und ging ins Haus zurück. „Was war denn das jetzt?“, fragte ich Timo verblüfft, „war das ein Test oder so etwas?“ „Nein“, grinste der, „doch du hast soeben deine einzige Chance zur Verbrüderung mit Mona verpasst. Wenn sie einen schlechten Tag hat, versucht sie uns immer zu provozieren. Obwohl sie weiss, dass wir nichts dazu sagen werden. Man kann die Menschen nicht zur Einsicht zwingen. Man kann ihnen höchstens die Augen öffnen. Ist es letzten Endes nicht so, Patrick?“  Dieser raufte sich gerade theatralisch die Haare und schüttelte den Kopf. „Lästert über Gemüse und hat selber die grössten Tomaten auf den Augen, kein Wunder kann sie nichts richtig sehen“, knurrte er, gerade noch bevor Mona wieder bei uns war und sich eine der leer gewordenen Grillschalen für ihr Fleisch schnappte. Wir anderen setzten uns schon mal an den Tisch und genossen das wunderbare Essen. Zum Dessert gab’s verschiedene Sorbets, die Roman und Uwe aus dem Tiefkühler im Haus geholt hatten, sowie Kaffee und selbstgemachten Eistee. Mona, die mich weitgehend ignoriert hatte, zog ein Paket Zigaretten aus ihrer Tasche. „Lass mich raten: bestimmt rauchst du auch nicht?“ fragte sie wieder in diesem übertrieben freundlichen Ton, bevor sie, ohne eine Antwort abzuwarten, zur Terrasse zurück ging und sich neben Albert in den anderen Schaukelstuhl setzte. Der Postbote hatte sich gleich nach dem Essen dorthin zurückgezogen, um zu meditieren, wie er scherzhaft sagte. Er war sogleich eingenickt.

Bei den am Tisch zurück gebliebenen kam als nächstes Gesprächsthema nun mein Traum auf. Tagsüber hatte ich ihn fast vergessen gehabt, doch jetzt, wo es langsam eindunkelte, war alles gleich wieder präsent. Als ich das Verlassenheitsgefühl beschrieb, den Durst, die Enge um den Hals, kamen mir wieder die Tränen. Timo legte den Arm um mich: „Lass gut sein Wispy, für den Moment wissen wir genug. Lasst uns überlegen, wo das herkommen könnte. Wir werden dann versuchen, mit dem Tier telepathisch Kontakt aufzunehmen. “ „Vom Bauern Heinrich, ich könnte schwören“, zischte Patrick zwischen den Zähnen hervor. Er ballte die Hände zu Fäusten und knallte sie auf den Tisch. Offenbar hatte er ein hitziges Temperament. Patrick war ein Fels von einem Mann, gross und kräftig. Seine Arme waren von oben bis unten tätowiert. „Mit ihm möchte ich keinen Streit“, dachte ich bei mir, „sieht aus, als ob er sehr ungemütlich werden könnte.“ „Es könnte jedoch auch ein Tier im Wald sein, welches sich irgendwo verheddert hat“, gaben die andern zu bedenken. „Könnte sein“, gab Patrick zu, „doch ihr wisst, wie schlecht Heinrich seine Tiere hält und wie er den Tierschutzverein, den wir ihm auf den Hals hetzten, austrickst. Wenn sie ihn fragen, warum seine Kühe nicht auf der Weide sind, dann waren sie entweder bereits am Vormittag draussen oder dürfen bestimmt am Nachmittag raus, oder der Boden war aufgeweicht vom Regen und rutschig und es war zu gefährlich…er hat immer eine Ausrede. Dabei sieht man seine Tiere kaum einmal im Freien.“ „Ich habe gehört, dass sich dieser Blödmann doch tatsächlich schon wieder einen neuen Hund zugelegt hat“,  berichtete Mona, die sich unterdessen wieder zu uns gesetzt hatte. „Das macht jetzt wie viele? Drei, vier oder noch mehr? Wenn man sich dem Hof näherte, geht ein Riesengebell  los. Die armen Tiere sind immer draussen, in Hundehütten und meistens an der Kette. Auch da hält der Idiot die Tierschutzvorschriften nicht ein.“ Mona hielt wohl nichts von Takt. „Dann könnte sehr wohl einer von ihnen den Hilferuf senden?“ mutmasste ich. „Mich kennt dieser Bauer nicht. Soll ich morgen wie zufällig vorbei spazieren und mich umschauen?“ „Gute Idee, Schätzchen“, flötete Mona, „am besten reitest du auf deinem Einhorn hin. Das macht den tollen Plan perfekt!“ Ich schaute verwirrt in die Runde und sah, dass alle lachen mussten, obwohl sie gleichzeitig den Kopf schüttelten über Mona. Ich hatte meine Idee toll gefunden und spürte, wie nun Ärger in mir hochstieg. „Was Mona meint“, beschwichtigte Johanna, doch auch sie musste sich ein Lachen verkneifen, „ist, dass Heinrich niemanden in die Nähe seines Hofes lässt. Er wohnt dort nicht allein, sondern mit seinen zwei erwachsenen Söhnen. Diese und die Hunde halten jedermann auf Distanz. Da der Hof zuoberst auf dem Hügel ist, sehen sie alle Leute schon von weitem kommen. Selbst Albert darf nicht in die Nähe des Hofes mit der Post, sondern wird vorher abgefangen. Die Leute vom Tierschutzverein mussten mit der Polizei drohen, bis sie einen Rundgang machen konnten. Alle Tiere waren so gehalten, dass gerade mal die absolut minimalen Bestimmungen eingehalten wurden und man den Halter nicht anzeigen konnte. Sämtliche Hunde waren an der Kette, doch Heinrich behauptete, dies sei nur zum Schutz der Besucher geschehen und sie bekämen mehr als genug Auslauf. Ich traue ihm zu, dass er sie auch in dieser Hitze angebunden und ohne genügend Wasser allein lässt.“

Das Gespräch drehte sich weiterhin um den Bauern und seine Söhne, bis Lola, die im Übrigen ziemlich ruhig geworden war, plötzlich sagte: „Eigentlich macht doch alles keinen Sinn! Warum sollte ein Tier aus dieser Umgebung bei Wispy Hilfe suchen? Wir sind fast jeden Abend hier, zwei oder drei von uns übernachten meistens im Haus. Wäre es nicht logischer, wenn wir den Hilferuf empfangen hätten? Wir sind in Gedanken ohnehin oft bei Heinrichs Tieren. Wenn ich dich richtig verstanden habe, wohnst du mitten in der Stadt, Wispy? Und hast noch keine Erfahrung mit Tierkommunikation? Für mich ergibt das alles keinen Sinn.“ Die anderen mussten zugeben, dass da etwas dran war. „Wir haben uns wohl von unserer Antipathie gegen Heinrich mitreissen lassen und von der Hoffnung, endlich etwas gegen ihn in die Hand zu bekommen. So leid es mir tut, Wispy“, sagte Timo schliesslich, „wir müssen versuchen, mehr Informationen zu bekommen und dazu musst du dich leider nochmals auf dieses Gefühl einlassen. Sag dem Tier, dass wir es suchen werden und bitte es, dir mehr Sinneseindrücke zu schicken. Was riecht es? Was spürt es unter den Pfoten? Was hört es? Was sieht es?“ Ich versuchte es, doch die Welle aus Angst und Verzweiflung, die ich zu spüren bekam, überwältigte mich gleich wieder. Mir wurde übel und ich schüttelte frustriert den Kopf. „Ich hab ihn“, flüsterte plötzlich Lola neben mir, „ich glaube, ich hab ihn!“ Sie war mit geschlossenen Augen da gesessen, ganz ruhig und in sich versunken. „Ich denke, es ist ein Hund. Ich spüre seine Pfoten, sie stehen auf einer Art  Gitterboden. Es ist eng, er kann sich nicht umdrehen. Wenn er nach vorne will, zieht sich sein Halsband zu.“ „Lola hat ein Riesentalent zum Orten und Aufspüren von Tieren“, bemerkte Timo bewundernd. Sie ignorierte ihn. „Angst, Durst, Hunger….wie du es erzählt hast, Wispy. Ich versuche nun Gerüche oder Geräusche auszumachen in seiner Umgebung.“ Wir anderen hielten fast den Atem an und wagten uns kaum zu rühren. „Es gibt Häuser in der Nähe und eine vielbefahrene Strasse. Er ist definitiv nicht irgendwo im Wald und auch nicht auf einem einsamen Bauernhof.“ Patrick sah fast enttäuscht aus. „Ich habe ihn gefragt, ob er sich selbst in diese Situation gebracht hatte, ob er vielleicht davon gelaufen oder aus Versehen irgendwo eingesperrt worden war, doch er zeigte mir das Innere eines Autos. Er wurde da hingefahren. Und dann kam wieder diese grenzenlose Verlassenheit. Ich glaube, er wurde ausgesetzt“, berichtete Lola. Sie hatte Tränen in den Augen. „Ich verstehe dich jetzt“, sagte sie, zu mir gewandt, „was da kommt ist heftig.“ Timo wollte sie freundschaftlich umarmen, doch sie wich ihm aus. „Die Frage ist, wie wir nun vorgehen“, sprach Uwe aus, was uns allen im Kopf herum ging. Er stand auf und wandte sich gegen das Haus.  „Wer möchte sonst noch ein Bier?“ fragte er über die Schulter. Lola, Patrick und Roman nickten. „Timo?“ „Ich weiss nicht…ich wollte Mona fragen, ob ich Wispy mit ihrem Auto heimfahren darf. Ich bleibe besser beim Eistee.“ „Sie kann mit mir heimfahren“, sagte Johanna. „Wenn sie mutig ist, heisst das! Ich durfte mir Vaters Auto ausleihen.“ Und, zu mir gewandt: „Ich habe den Führerschein noch nicht lange, doch ich verspreche dir, ich fahre vorsichtig.  Ich fahre euch alle gern nach Hause, wenn ihr möchtet, ich brauche unbedingt Fahrpraxis“, wandte sie sich an ihre Freunde, was ihr gutmütige Foppereien einbrachte.

Roman startete seinen Laptop auf und holte meine Wohngegend per Satellitenbild auf den Bildschirm. Langsam gingen wir virtuell durch die Strassen und schauten uns die Häuser an. Wir konnten uns nicht vorstellen, wo man einen Hund hätte unbemerkt aussetzen können. „Müssen die nicht ohnehin alle gechipt sein?“, fragte Mona. „Doch, zumindest in der Schweiz“, gab Roman Auskunft. „Ich habe jedoch gelesen, dass Chips unlesbar gemacht werden können. Vor allem muss der Hund zusätzlich registriert sein, sonst kann er nicht zugeordnet werden. Ausserdem könnte er illegal aus dem Ausland eingeführt worden sein.“ „Leider sehen wir auf diesen Bildern nur die Vorderseiten der Häuser, nicht die Höfe und Hintereingänge. Hoffen wir, dass es diese grosse Durchgangsstrasse ist, deren Lärm der Hund hört. Wir können erst morgen nachschauen. In der Dunkelheit haben wir keine Chance und werden höchstens noch verhaftet, wenn wir mit Taschenlampen um die Häuser schleichen“, gab Timo zu bedenken. „Wer hat bereits tagsüber Zeit morgen? Ich werde auf jeden Fall schon früh mit Buddy die ersten Runden durchs Viertel drehen.“ Ich versprach, dass ich ihn  begleiten würde. Mona funkelte mich kalt an und ich fragte mich zum X-ten Mal, was ich dieser Frau zuleide getan haben könnte. Sie liess Timo kaum aus den Augen, das hatte Lola richtig beobachtet, doch verliebt war sie nicht in ihn, das spürt man als Frau – zumindest als Frau mit mehr Lebenserfahrung als Lola. „Das mit den langen Wimpern stimmt jedoch“, dachte ich amüsiert und gleichzeitig neidisch. Doch wer weiss heutzutage schon, was echt ist und was nicht. Zu lange und zu genau konnte ich Mona ohnehin nicht anschauen, wenn ich keinen Ärger provozieren wollte. Es stellte sich heraus, dass nur Patrick uns tagsüber begleiten konnte, die anderen würden sich nach der Arbeit melden. Wir sassen noch eine Weile zusammen und redeten von anderem. Heute konnten wir ohnehin nichts mehr unternehmen. Nach dem Aufräumen fuhr Johanna mich, Roman und Uwe nach Hause. Timo und Lola wollten im Haus übernachten und Patrick war mit seinem Roller da. Albert war irgendwann unauffällig in sein Zimmer verschwunden. Als ich mich von Mona verabschieden wollte, hiess es, auch sie sei bereits zu Bett gegangen. Zwar hatte ich sie gerade noch in der Küche sprechen gehört, doch mir sollte es recht sein.

Am nächsten Morgen holten mich Timo und Patrick ab. Wir versuchten, hinter die Häuser in meiner Strasse und meinem Stadtviertel zu sehen, was gar nicht so einfach war. Die meisten Hinterhöfe waren durch Gitter und Zäune gesichert. Spielplätze gab es hingegen einige, wir kontrollierten dort alle Spieltunnels und Röhren. „Gut bist du dabei“, seufzte Timo, „mit deinem Grossmutter Aussehen verhinderst du Misstrauen uns Männern gegenüber.“ Und fügte, als er meinen Blick sah, schnell hinzu: „Du siehst natürlich nicht aus wie unsere Grossmutter! Höchstens wie die Oma eines neugeborenen Säuglings!“ Wir fanden nirgends einen Hund oder sonst ein eingesperrtes Tier, selbst Buddy erschnüffelte nichts. Am Mittag machte ich uns etwas zu essen, dann suchten wir weiter. Die näheren Häuser hatten wir alle kontrolliert, als uns am Nachmittag die jungen Frauen zu Hilfe kamen und wir weitere Quartiere in Angriff nahmen. Ich hätte Timo gern zu Helene befragt, doch ich war nie allein mit ihm. Am späteren Nachmittag waren wir müde, verschwitzt und frustriert. Die Hitze machte uns zu schaffen und unsere Füsse schmerzten. Lola hatte versucht, Kontakt mit dem Tier aufzunehmen, doch sie bekam nur noch schwache Zeichen. „Wir müssen es heute noch finden“, seufzte sie, „es verdurstet sonst.“ In diesem Moment erhielt Timo einen Anruf von Mona. Sie sei auf dem Heimweg von der Arbeit und komme für ein, zwei Stunden vorbei, um bei der Suche zu helfen. „Könnt ihr mich beim Quartierrestaurant treffen?“ fragte sie. „Ich muss erst etwas trinken und Zigaretten habe ich auch keine mehr. Zudem kann ich dort parkieren. Ihr könnt bestimmt ebenfalls eine kleine Pause gebrauchen.“ Damit hatte sie natürlich absolut Recht und wir machten uns auf den Weg. Das Restaurant lag zuoberst an der Strasse, dort hatten wir uns ohnehin noch nicht gross umgeschaut und beschlossen, dies anschliessend in Angriff zu nehmen. Doch erst einmal freuten wir uns auf einen kühlen Drink und waren sehr enttäuscht, als wir das Schild „Wegen Urlaub geschlossen – Closed for Holiday – Chiuso per Ferie“ an der Tür baumeln sahen. Offenbar verkehrte hier eine internationale Kundschaft. „Seit vorgestern geschlossen, so ein Pech!“ jammerte Johanna, „ich habe wirklich Durst.“ „Die Parkplätze sind hinter dem Haus“, wusste Patrick, „warten wir doch dort auf Mona. Vielleicht können wir uns irgendwo in den Schatten setzen, bis sie kommt. Dann suchen wir uns zusammen ein anderes Restaurant oder einen Kiosk, um etwas zu trinken.“ Wir fanden das eine gute Idee und gingen schwatzend hinters Haus. Plötzlich blieb Lola stehen. „Seid bitte ruhig!“ Sie hielt sich den Finger an den Mund. „Ich spüre das Tier plötzlich wieder stärker. Ich dachte sogar, ich könne es hören.“ Still gingen wir weiter und da, am Rande des Parkplatzes, fanden wir es. Beziehungsweise sie, denn es handelte sich um eine offensichtlich trächtige, mittelgrosse Hündin unbestimmter Rasse und, vor lauter Staub und Schmutz, unbestimmter Farbe. Sie war in einer offenen Transportkiste so angebunden, dass sich das Halsband zuzog, wenn sie weglaufen wollte. Offenbar hatte ihr jemand ursprünglich Wasser und Futter hingestellt, doch der Wassernapf schien schon lange leer zu sein, während der Futternapf umgekippt war und das Futter, nun ausser Reichweite der Hündin, in der Sonne verdorben war. Das arme Tier musste Durchfall gehabt haben, sein Fell war verfilzt und verklebt. Als ich näher ging, war da der Geruch, den ich nachts in der Nase gehabt hatte: Nach Fäkalien und verdorbenem Fleisch. Die Hündin zog sich winselnd in eine Ecke der Kiste zurück, sie hatte offenbar gelernt, den Menschen nicht unbesehen zu vertrauen. Lola kniete sich ruhig vor sie hin und hielt lautlos Zwiesprache mit ihr. Mir liefen die Tränen übers Gesicht, aus Mitleid und gleichzeitig aus Erleichterung, dass wir das Tier gefunden hatten. Timo hielt mich fest. „Lola macht das schon“, tröstete er mich. „Schau, die Hündin schnuppert bereits an ihrer Hand.“ In diesem Moment bog Mona in den Parkplatz ein. Patrick ging ihr entgegen. „Vielleicht hat sie eine Decke im Auto“, rief er über die Schulter zurück, „damit könnten wir die Hündin besser transportieren.“ „Und wohin bringen wir sie?“ fragte ich. „Zu Lolas Doktor“, sagten alle fast gleichzeitig, „wohin denn sonst? Ihr Doktor hilft immer.“ „Wartet noch“, rief Mona, die inzwischen von Patrick eingeweiht worden war und gestylt wie für eine Party über den Parkplatz stöckelte, „schiesst Fotos, bevor ihr sie aus der Kiste befreit. Morgen machen wir eine Anzeige bei der Polizei. Ich gehe rasch zu den nächsten Nachbarn, bitte um Wasser für das Tier und frage, ob jemand etwas gehört hat.“ Widerwillig musste ich tief innen zugeben, dass dies gute Ideen waren.

Eine halbe Stunde später lag die Hündin in Lolas Armen, auf zwei aufgeschnittenen Plastiktüten als Unterlage, da Mona keine Decke im Auto gehabt hatte. Sie war zu schwach zum Gehen, doch mit dem Wasser waren ihre Lebensgeister wenigstens teilweise zurückgekehrt. Erst als wir den Transportkorb aufhoben, um ihn als Beweisstück mitzunehmen, sahen wir, dass ein Zettel daran baumelte: „Ich heisse Destiny, nimm mich mit!“ stand da krakelig geschrieben und, als Gipfel des Zynismus, war ein Herz daneben gezeichnet. Lola schnappte entsetzt nach Luft. „Hat hier jemand ein lebendiges Tier mit einem ausgedienten Möbelstück verwechselt?“ fragte sie fassungslos. Sie setzte sich vorsichtig mit Destiny auf den Hintersitz von Monas Auto, während wir den Korb und die Futterschüsseln im Kofferraum verstauten. Ihren Doktor hatte Lola bereits angerufen und auf unsere fragenden Mienen hin gesagt, dass er sie bereits in der Praxis erwarte. Mona hatte nicht mit einer ihrer langen Wimpern gezuckt, als Gestank ihr makelloses Auto erfüllte, weil Destiny die Plastikunterlage bereits wieder neu verschmiert hatte. Doch nun drängte sie zur Abfahrt und fuhr alsbald rasant die Strasse hinunter.

Wir anderen sahen uns an, erleichtert und erschöpft. Jetzt, wo die Anspannung von mir wich, war ich plötzlich todmüde. Wir besprachen kurz die Idee, zusammen irgendwo etwas essen und vor allem trinken zu gehen, merkten dann jedoch, dass wir uns vor allem nach einer Dusche sehnten. So beschlossen wir, uns zu trennen und heim zu gehen. Timo und Patrick nahmen das nächste Tram stadteinwärts. Ich hatte beschlossen, zu Fuss zu gehen. Ich wohnte nicht weit weg und gehen half mir immer, meine Gedanken zu sortieren. Zu meiner Überraschung sagte Johanna, dass sie mich gern ein Stück begleiten würde. Schweigend gingen wir nebeneinander her. Ich fand die junge Frau erfrischend und sympathisch und hätte unter normalen Umständen gern mit ihr geplaudert, doch jetzt war ich einfach zu müde und sie offenbar auch. Doch als sich unsere Wege an der übernächsten Kreuzung trennten und ich mich verabschieden wollte, schaffte sie es, dass ich mit einem Schlag wieder wach wurde. „Mona ist eine widersprüchliche Person mit schwierigem Charakter“, sagte sie plötzlich. „Doch wie du heute gesehen hast, ist im Notfall auf sie Verlass. Sie hat uns schon oft aus der Patsche geholfen.“ „Ja, das ist schön“, antwortete ich höflich. Ich hatte überhaupt keine Lust, nach diesem langen Tag ausgerechnet über Mona zu sprechen. „Du magst sie nicht, wie?“ fragte Johanna jedoch weiter. „Vor allem mag sie mich nicht, aus welchen Gründen auch immer. Du hast es ja gestern erlebt. Sei mir nicht böse, Johanna, ich möchte jetzt nach Hause gehen.“ „Ja natürlich“, sagte Johanna, blieb jedoch einfach stehen. Dann fing sie an, herum zu drucksen. „Es ist nur so….Mona vertraut mir am meisten.  Nun will sie, dass ich dir etwas ausrichte. Es sei sehr wichtig, doch niemand sonst dürfe davon wissen. Ich will es einerseits für sie tun, hasse andererseits den Gedanken, Heimlichkeiten zu haben vor den anderen.“ Johanna seufzte und zog einen Briefumschlag aus ihrer Handtasche. „Was bleibt mir anderes übrig. Hier, Wispy, und gute Nacht!“ Sie eilte über die Strasse und stieg ins nächste Tram ein.

Ich hatte den Briefumschlag entgegen genommen, als ob es heisse Kohlen wären. Auch ich wollte keine Heimlichkeiten haben vor den anderen. Kurz überlegte ich mir, den Brief einfach in einem Abfalleimer zu entsorgen. „Ich werde es Timo so oder so erzählen, dieser Mona schulde ich keine Loyalität“, nahm ich mir stattdessen vor. Erst nachdem ich geduscht, gegessen und meine Bella gefüttert hatte, öffnete ich widerwillig den Umschlag. Darin befand sich nur eine Visitenkarte von Mona. Offenbar war sie Chefredakteurin einer Frauenzeitschrift, was mich nicht sehr verwunderte. Dort passte sie sicher perfekt hin. Ich drehte die Karte um und da stand in enger, zackiger Schrift: „Ruf mich an, ich muss unbedingt mit dir allein sprechen. Sag niemandem etwas davon.“ Die Worte „allein“ und „niemandem“ waren dreimal unterstrichen. „Du kannst mich mal“, dachte ich respektlos und überlegte mir, ob ich sogleich Timo anrufen sollte. Doch dann sah ich mein weiches, bequemes Bett und beschloss, erst mal eine Nacht darüber zu schlafen.

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Die Grenzen verwischen

-9-

Den Anfang verpasst? Hier geht’s zum ersten Teil.

Zufrieden und zuversichtlich ging ich an diesem Abend zu Bett. Lilly hatte etwas tief in mir drin berührt. Ich fühlte eine Mischung aus Bewunderung für ihre Intuition und feinfühlige Art und Dankbarkeit, dass sie sich so viel Zeit für Bella und mich genommen hatte.

Doch ich konnte nicht einschlafen. Erst ging mir die Unterhaltung mit Lilly überTimo im Kopf herum. Wie schwierig musste es sein, wenn man die Schmerzen, Enttäuschungen und Emotionen anderer ganz ohne Schutz am eigenen Körper spürte. Ob er auch Freude, Verliebtheit und Hoffnung von seiner Umgebung übernehmen konnte? „Sicher!“ tröstete ich mich, „nicht jeder trägt schliesslich grosses Leid mit sich herum.“ Ich dachte an seine vor Heiterkeit funkelnden Augen, wenn er mir eine lustige Geschichte erzählte. Wie er sich freute, wenn er jemandem mit einer Kleinigkeit ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte. Er holte sich bestimmt auch viel gute Energie aus seiner Umgebung.

Einmal hatte er mir erzählt, dass die junge Frau, die soeben ins Shopping Center gegangen sei, eigenen Schmuck kreiere. „Sie denkt gerade an all die Arbeit und Begeisterung, mit der sie die Sachen hergestellt hat“, erzählte er mir. „Nun hat sie diese bereit zum dritten Mal in einer Boutique zum Verkauf angeboten und wurde ziemlich schnöde abgewiesen. Ihr Mut ist weg, sie zweifelt an ihrem Talent und Können. Sie wird sich nicht getrauen, ihr Werk nochmals irgendwo anzubieten. Nun kommst du ins Spiel. Sie trägt bestimmt eines ihrer Schmuckstücke. Brich in Begeisterung aus darüber! Frag sie, wo man so etwas kaufen kann.“ Er drückte mir 100 Franken in die Hand. „Wenn sie etwas zu verkaufen dabei hat, such etwas Schönes aus. Ich finde schon eine Abnehmerin dafür.“ Er wurde sogar etwas rot dabei. „Willst du das nicht selber machen?“ fragte ich, verwirrt durch seine Verlegenheit. Doch seine Antwort ergab Sinn. „Sie ist sehr hübsch und ich bin ein Mann. Sie würde denken, ich versuche sie bloss anzubaggern. Sie würde meinem Urteil weniger trauen als deinem. Geh und mach ihr Mut, Du weisst ja unterdessen, wie das geht.“

Die schlanke junge Frau trug eine auffällige Afrofrisur und hatte grosse, dunkle Augen. Sie war tatsächlich mit einer Menge Schmuck behangen: mit Ohrringen, Armbändern, Halsketten und Fingerringen. Es waren bunte, auffällige, verspielte Kreationen Richtung Hippie Stil, jedoch geschmackvoll. Ich wartete, bis die junge Frau ihre Einkäufe bezahlt hatte, bevor ich sie ansprach. Ihre Augen leuchteten auf und sie zeigte mir bereitwillig ihre Accessoires. Erst als ich sie fragte, wo ich denn so etwas bekommen könnte, rückte sie damit heraus, dass sie die Sachen selber herstelle. „Nur für den Hausgebrauch“, beeilte sie sich hinzuzufügen. „Was für eine Verschwendung von Talent“, rief ich aus, „Sie sind eine Künstlerin. Sie sollten den Schmuck unbedingt verkaufen!“ Es stellte sich heraus, dass sie tatsächlich immer eine kleine Auswahl zum Anbieten dabei hatte. Darunter war eine hübsche Halskette aus ovalen, kobaltblauen Schmucksteinen. Ich wählte diese und dachte an das kobaltblaue Armband, über welches ich nie mit Timo gesprochen hatte. Ich war gespannt, ob er etwas dazu sagen würde. Doch erst einmal bestätigte ich Helene, so hiess die junge Künstlerin, darin, dass ihre Schmuckstücke aussergewöhnlich schön seien und unbedingt ausgestellt gehörten. „Haben Sie nicht die Möglichkeit, irgendwo ein kleines Atelier aufzumachen?“, fragte ich sie. „Ihr Schmuck ist sehr speziell und sollte nicht in einem 08.15 Laden verkauft werden, dort sehen ihn nicht die richtigen Leute“, versicherte ich ihr. „Das ist auch eine Art, es zu sehen“, lachte Helene, erzählte jedoch nichts weiter dazu. „Hm, ich müsste bei mir zu Hause anfangen…doch eigentlich, warum nicht…?“ meinte sie schliesslich und ich konnte richtiggehend sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Ich gab ihr meine Mailadresse und bat sie, mich auf dem Laufenden zu halten.

„Hoffentlich kennst du genug Frauen, die an Schmuck interessiert sind, falls Helene in Zukunft irgendwo ausstellt“, sagte ich nachher zu Timo. „Für meine Generation passt er nun mal weniger.“ Timo liess die Kette wortlos in seiner Tasche verschwinden und versuchte das Thema zu wechseln, doch ich liess mich nicht ablenken. „Findest du die Kette nicht schön?“, fragte ich, „ich dachte, dieses Blau gefalle dir sicher.“ „Doch, sie ist perfekt, danke. Hat dir diese Helene auch ihre Adresse gegeben?“ Timo tätschelte Buddy und schaute mich nicht an. Ich sah dennoch, dass er wieder ein bisschen rot geworden war. „Nein, sie wird sich bei mir melden. Was ist denn mit dir los?“ Er räusperte sich. „Nichts, ich habe nur ein Kratzen im Hals und keine Pfefferminz mehr. Ich gehe rasch zum Kiosk.“ Danach sprachen wir nicht mehr von Helene. Ich weiss nicht, warum sie mir jetzt, mitten in der Nacht, in den Sinn gekommen war.

Irgendwann musste ich doch eingeschlafen sein, jedenfalls schreckte ich mit rasendem Herzen aus einem Albtraum auf. Es war unterdessen Sommer geworden und die Hitze liess auch über Nacht kaum nach, zumindest in der Wohnung blieb es drückend. Doch ich hatte nicht nur geschwitzt. Ich hatte mich eingeengt gefühlt, schmutzig, verzweifelt, durstig. Wenn immer ich mich bewegte, zog sich etwas schmerzhaft zu um meinen Hals und ich hatte das Gefühl, ich müsse ersticken. Obwohl ich keinen grossen Durst hatte, holte ich mir ein Glas Wasser. Im Traum hätte ich alles dafür gegeben. Ich hatte einen seltsamen Geruch in der Nase, nach Urin, Fäkalien und verdorbenem Fleisch, absolut widerlich. Ich schaute nach Bella. Sie schlief friedlich und tief am Fussende meines Bettes. Vorsichtig machte ich helleres Licht und holte mein Buch. Für den Moment hatte ich keine Lust mehr auf Schlaf, zu nah spürte ich den Traum immer noch, obwohl ich mich gar nicht detailliert daran erinnern konnte. Erst als es draussen dämmerte, hatte ich mich genügend abgelenkt. Nun streckte ich mich wohlig aus im Bett und schloss die Augen. Es war noch zu früh zum Aufstehen. Bella bettelte nur noch selten um Frühstück um diese Zeit. Ich liess mich entspannt in einen leichten Schlummer sinken, nur um gleich wieder aufzuschrecken. Ich hatte Wimmern gehört, Angst gefühlt; und nun war da wieder dieser Geruch in meiner Nase. Bella schlief noch immer, ihre Schwanzspitze zuckte im Traum und sie gab leise, fiepende Geräusche von sich. Doch was mich betraf, war an friedlichen Schlaf  offenbar nicht zu denken.

Seufzend stand ich auf. Als erstes schrieb ich Cedric eine lange Mail, erzählte das Neueste von mir und Bella und fragte, ob alles in Ordnung sei bei ihnen. Ich hatte die junge Familie erst wenige Male gesehen, seit das Baby auf die Welt gekommen war. Dank Internet und Facebook waren wir jedoch häufig in Kontakt. So war ich wenigstens auf dem Laufenden und erhielt ständig neue Fotos. Meistens schrieben wir uns nur kurze Mitteilungen, längere Mails tauschten wir eher selten aus. Doch heute Morgen hatte ich das Gefühl, dass irgendwo etwas nicht in Ordnung war, dass der Traum mich auf etwas hinweisen wollte. Diesen erwähnte ich jedoch nicht in der Mail, ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass er die Familie in Italien betreffen könnte. Doch da dort meine liebsten Menschen wohnten, wollte ich sicher sein. Cedric schrieb gleich zurück, nur kurz. Sie hätten im Moment schlaflose Nächte, da Sofia zahne und viel weine. Sonst sei alles in Ordnung und er schreibe mehr, wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt sei im Haus. „Siehe Facebook“, schrieb er und postete Fotos von Angelita und sich selbst, schlaftrunken und mit zerwühlten Haaren, die weinende Sofia auf dem Arm. Ich konnte mich gut in ihre Lage hinein versetzen, mit meinem Traum hatte diese jedoch offenbar nichts zu tun.

Ich beschloss, Timo zu fragen, was er dazu meinte. Ich vermisste ihn ohnehin. Lilly hatte mir Zuversicht und Hoffnung geschenkt, was Bella betraf, ich fühlte mich nicht mehr so hilflos ihrer Krankheit gegenüber. „Sieh nur die  gesunde, schöne Katze in ihr. Sie will nicht dein Mitleid, sie braucht deine positive Unterstützung“, hatte sie beim Abschied nochmals betont. Also überschüttete ich Bella als erstes mit Komplimenten, als sie kurz nach mir aufstand. Sie rieb ihren Kopf an meinem Bein und schnurrte laut. Zwar frass sie noch immer nicht so viel, wie ich gern gesehen hätte, doch bedeutend mehr als in den letzten Tagen.

Ich war richtig erleichtert, als ich Timo und Buddy beim Fluss entdeckte. Wie sehr ich ihn und unsere Gespräche vermisst hatte, merkte ich erst jetzt so richtig. Er hatte es jeden Tag geschafft, mich zum Lachen zu bringen und mich aufzuheitern. Ich glaube, er hatte mich auch ein wenig vermisst, jedenfalls umarmte er mich sehr herzlich zur Begrüssung. Wir hatten uns viel zu erzählen. Die Pfefferminzrolle ging viele Male von ihm zu mir und zurück. Erst nach etwa einer Stunde kam ich auf meinen Traum zu sprechen. Timo schwieg dazu. So erzählte ich noch etwas mehr davon, beschrieb den Geruch, das einengende Gefühl um den Hals. Noch immer sagte er nichts. Er kraulte Buddy am Hals und schaute gedankenverloren aufs Wasser. „Timo…! Wo bist du? Langweile ich dich mit meinem Traum?“ fragte ich etwas irritiert. Er drehte den Kopf zu mir und schaute mich ernst an. „Das ging schnell“, sagte er nur und schwieg weiter. „Oh, danke, nun verstehe ich alles“, versuchte ich zynisch zu sein, doch vor allem war ich verunsichert. Ich kannte Timo so nicht. Doch dann legte er den Arm um meine Schulter und drückte mich an sich. „Tut mir leid, Wisp! Ich weiss im Moment einfach nicht, was ich sagen soll. Manchmal, wenn ein Tier in grosser Not ist, sendet es Bilder und Gefühle aus und versucht, einen Menschen zu finden, der es versteht und der zu Hilfe kommt. Ich hätte nicht gedacht, dass du das schon auffangen könntest. Du hast ja eben erst gelernt, was Tierkommunikation überhaupt ist. Vielleicht hat dich die Sorge um Bella so hochempfänglich gemacht. Versteh mich nicht falsch, es ist ganz toll und ich bin stolz auf dich“, wieder drückte er meine Schulter, fast schmerzhaft diesmal, „doch es ist auch belastend und eine Verantwortung. Was willst du nun tun? Es zu ignorieren versuchen? Glaub mir, ich weiss aus Erfahrung, dass dies nicht funktioniert. Der Traum wird dich nicht loslassen, denn es ist natürlich kein Traum. Im Schlaf bist du auf einer Wellenlänge, auf der dich ein Tier erreichen kann, wenn du offen und empfänglich genug bist dafür. Es hat vielleicht nicht einmal dich persönlich ausgesucht, doch es sendet Hilferufe, die du nun hörst, ob du willst oder nicht. Nur wenn du sie konsequent ignorierst und deine empathische Seite verleugnest, werden sie schwächer und bleiben irgendwann ganz aus. Es ist deine Wahl, triff sie jetzt. Wenn du dieses grosse Geschenk, denn ein solches ist es, annimmst, brauchst du Mut. Meistens erreichen diese Signale jedoch ohnehin nicht die Feiglinge unter den Menschen. Wir können traumatisierte Tiere nicht nur ein bisschen spüren, es trifft uns mit Wucht.  Doch wir überstehen diesen fremden Schmerz, wir lernen ihn wieder loszulassen, wir lernen uns zu schützen. Ich helfe dir dabei. Die Tiere können das nicht. Wir, die sie hören, sind ihre einzige Chance. Wenn sie uns von sich aus rufen, sind sie sehr verzweifelt.“

Nun war es an mir, zu schweigen und nachzudenken. „Ich würde noch so gern helfen“, sagte ich schliesslich. „Doch wie? Ich weiss nicht einmal, was für ein Tier mich hier ruft.“ „Wenn ich so etwas erlebe“, meinte Timo, „versuche ich es  gar nicht erst über den Kopf zu lösen. Ich meditiere viel, achte auf meine Eingebungen und Intuition und natürlich auf das, was über meine Träume zu mir kommt. Dies wird erfahrungsgemäss immer intensiver und schmerzhafter, es ist also gut, wenn man so schnell wie möglich eingreifen kann. Es betrifft normalerweise eine Situation, die räumlich nicht allzu weit entfernt ist. Was deine Mitteilung angeht, habe ich sogar einen bestimmten Verdacht. Erzähl mir nochmals alles genau.“

Zehn Minuten später war ich in Tränen aufgelöst. Als ich zu reden begonnen hatte, kamen all die Gefühle und Gerüche mit grosser Intensität zurück. Ich spürte hoffnungslose Angst in mir, fing an zu zittern und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Sogar Buddy fing solidarisch an zu heulen. Timo hielt mich fest. Zum Glück sassen wir am Fluss unten auf unserem Lieblingsstein und hatten keine Zuschauer. Ich suchte ein Taschentuch und versuchte, die Schluchzer zu unterdrücken, doch Timo schüttelte den Kopf. „Lass die Tränen laufen“, sagte er leise. „Wenn man etwas so intensiv spürt, holt es oft andere, unterdrückte Gefühle mit an die Oberfläche. Die übliche Verdrängungstaktik greift plötzlich nicht mehr. Akzeptiere diese Emotionen so wie sie sind, atme ruhig durch sie hindurch und sie werden sich auflösen und viel Energie in dir freisetzen.“

Wir sassen lange zusammen auf dem harten Stein. Meine Tränen waren irgendwann versiegt. Ich fühlte eine eigenartige Ruhe und Stärke in mir, doch ich hatte keine Lust zu reden und war Timo dankbar, dass er einfach da war. „Wie kommt es, dass du gerade heute so viel Zeit hattest?“ fragte ich ihn doch irgendwann und er antwortete schlicht: „Weil du mich gerade heute brauchtest.“ „Du meine Güte, wenn wir von brauchen sprechen… Bella braucht doch ihr Nachtessen“, kam mir in den Sinn. Ich hatte die Zeit ganz vergessen. „Ja, Buddy hat auch Hunger“, schmunzelte Timo, „und ich könnte ebenfalls etwas vertragen. Du sicher auch. Weisst du was? Wenn du einverstanden bist, begleiten wir dich nach Hause und wenn Bella versorgt ist, nehme ich dich mit in unser Haus am Waldrand. Dort gibt es täglich etwas zu essen am Abend und davon immer mehr als genug. Einmal in der Woche machen zwei von uns einen Grosseinkauf. Ich glaube, es  ist an der Zeit, dass du Mona und die anderen kennen lernst.“ Ich hielt den Atem an vor Überraschung und Freude. Über das geheimnisvolle Haus am Waldrand hatte ich Timo bereits einige Male versucht auszufragen. Offenbar wohnten sie alle zeitweise dort. Lola hatte es damals erwähnt und auch in Lillys Erzählungen kam es ein paar Mal vor. Andere Tierschützer, wie Leute aus den Flashmobs, fanden dort offenbar ebenfalls Unterschlupf wenn nötig. Mehr wollte mir niemand dazu erzählen. „Das Haus gehört Mona, die so gar nicht zu uns passt. Warum wir dort wohnen dürfen, werden wir wohl nie verstehen“, war leider alles, was sogar die sonst gar nicht verschwiegene Lilly dazu zu bemerken bereit war.

Timo war an dem Tag zum ersten Mal bei mir zu Hause. Bella kannte er bisher nur von Fotos. Es war ein eigenartiges Gefühl, diesen mir unterdessen so vertrauten jungen Mann in der eigenen Wohnung zu sehen, es war, als ob zwei verschiedene Leben zusammen kommen würden. Während ich Bella fütterte, lehnte Timo im Türrahmen zur Küche. Buddy wartete brav vor der Wohnungstür. Obwohl er Katzen, wenn sie nicht gerade flüchteten, nicht gross beachtete, wollte ich Bella nicht ängstigen. Ich wusste nicht, welche Erfahrungen sie in ihrem Leben mit Hunden gemacht hatte. „Ich möchte mich rasch umziehen und ein bisschen frisch machen“, sagte ich nach dem Füttern zu Timo, „ich sehe schrecklich aus mit meinem verheultem Gesicht und den zerknitterten Kleidern. Was soll ich denn anziehen?“ Plötzlich war ich nervös. Diese Mona, so viel hatte ich aus den Andeutungen heraus gehört, war offenbar allen immens wichtig. Sie musste irgendwie eine Sonderstellung einnehmen. Timo lachte und zupfte an meinen weissen Haarbüscheln. „Ich mag es, wenn deine Haare so abstehen. Du siehst aus, als ob du damit fliegen könntest. Oder ausserirdische Botschaften empfangen. Mach dir keine Gedanken über dein Aussehen, es ist alles in Ordnung. Nimm jedoch eine Jacke mit, im Sommer sitzen wir nachts meistens lange draussen und es kann kühl werden vom Wald her.“

Als ich aus dem Bad kam, betrachtete Timo gerade die Fotos in meinem Wohnzimmer. Ich erklärte ihm, wer die Personen darauf waren und erzählte kurz, was er dazu wissen musste aus meinem Leben. Ich streifte meine Ehe und das Ende davon, erzählte von Cedric, Angelita und meinem Enkelkind. Ein bisschen etwas wusste er natürlich bereits über mich, doch mit den Fotos konnte ich ihm alles lebendiger erzählen. Anders als sonst wurde ich heute nicht traurig, wenn ich  Angelitas strahlendes Gesicht ansah oder Sofia betrachtete, die so schnell wuchs, dass mir mit jedem Foto klarer wurde, wie viel ich aus ihrem Leben verpasste. Stattdessen kam mir eine Idee. „Timo, du sprichst doch Italienisch, kannst du mir das nicht beibringen? Wenn meine Enkeltochter zu sprechen beginnt, möchte ich mich schliesslich mit ihr unterhalten können. Ich will wieder einmal nach Rom zu Besuch und nicht  mehr stumm dabei sitzen, wenn die italienische Familie rund um mich herum redet, sondern mithalten können.“ „Ma certo, cara mia“, lachte Timo, „ich spreche ab sofort nur noch Italienisch mit dir, wenn du willst.“ „So habe ich es nicht gemeint, langsam…piano!“ lachte ich zurück, doch der Gedanke, diese Sprache lernen zu können, machte mich glücklich. Warum hatte ich nicht schon lange daran gedacht, statt hier Trübsal zu blasen und meine Familie zu vermissen? Im Moment wollte ich Bella zwar nicht allein lassen, doch in meinem Alter lernt man eine neue Sprache ohnehin nicht über Nacht. Bevor wir aus dem Haus gingen, kauerte sich Timo noch zu meiner Katze auf den Boden. Sie war immer irgendwo in seiner Nähe geblieben. Nun streichelte er ihren Kopf und sie schloss geniesserisch die Augen. „Sie hätte gern einen flacheren, grösseren Napf, es stört sie, wenn ihre Schnauzhaare beim Fressen seitlich anstossen. Und bloss kein Plastikgeschirr!“ richtete Timo aus. „Ausserdem wünscht sie sich feineren Katzensatz in ihrem Kistchen, solchen, der ihren Pfoten nicht weh tut. Das Nierendiätfutter findet sie höchstens mit Fisch gemischt einigermassen geniessbar, sie möchte es nicht täglich fressen müssen.“ „Oh“, sagte ich überrascht, „diese Gedanken hatte ich mir gar nie gemacht, doch ich verstehe Bella. Das mit dem Futter muss ich allerdings erst mit dem Tierarzt besprechen.“

Buddy hatte ruhig gewartet, doch er freute sich sichtlich, uns wieder zu sehen. Timo hatte mich um einen alten Teller gebeten und gab seinem Hund nun das Futter, welches er unterwegs gekauft hatte. Dann schaute er mich an: „Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind wir eine Weile unterwegs, obwohl das Haus nicht allzu weit von der Stadt Zürich entfernt ist. Ich darf später sicher Monas Auto benutzen, um dich nach Hause zu fahren.“ Ich wurde immer neugieriger. Wir fuhren drei Stationen mit dem Zug und warteten dort auf einen Bus, der uns nochmals zwei Stationen in die Höhe bringen sollte. Ich kannte mich hier nicht aus. Der Strasse entlang standen viele Häuser und zwischen Feldern und Obstbäumen schauten zwei rote Hausdächer hervor, wahrscheinlich Bauernhäuser. Timo deutete mit dem Kopf auf sie. „Von dort irgendwo könnte der Hilfeschrei hergekommen sein. Ich muss mir überlegen, wie wir am besten vorgehen. Schick heute Abend beim Zubettgehen dem Tier die Nachricht, dass du es gehört hast und dass wir es bald finden werden. Dann wirst du ruhig schlafen können. Oh, wir haben Glück, hier kommt unser Bus. Er fährt nicht allzu häufig in dieser Gegend.“ Als wir ausstiegen, fanden wir uns inmitten von Wiesen und Feldern wieder, nahe bei einem kleinen Wald. „Komm“, sagte Timo, „ wir haben noch zehn Minuten Fussweg vor uns.“ Schweigend ging ich hinter ihm her. Es war herrlich ruhig hier oben, nur vom Waldrand her kam Kuhglockengebimmel. Es roch würzig nach Gras und Heu. Irgendwo bellte ein Hund, Buddy bellte träge zurück. Timo jedoch schien mir aussergewöhnlich ruhig. Gerade wollte ich einige Fragen zum Haus und vor allem zu dieser Mona stellen, als er abrupt stehen blieb. Fast wäre ich mit ihm zusammen gestossen. „Vielleicht sollte ich dich warnen“, meinte er, offenbar wieder einmal meine Gedanken lesend. „Mona ist eine wunderbare Frau und wir haben ihr unendlich viel zu verdanken. Doch sie ist eine eigenwillige Persönlichkeit und nimmt kein Blatt vor den Mund. Ich weiss nicht, wie sie auf dich reagieren wird. Takt ist nicht gerade ihre Stärke. Zudem mag sie keine Überraschungen und ich habe dich nicht angemeldet. Ich hoffe sie benimmt sich anständig, doch man kann bei ihr nie ganz sicher sein.“ Bevor ich etwas sagen konnte, ging er rasch weiter und nach der nächsten Wegbiegung standen wir bereits fast vor dem Haus. Es war zweistöckig und langgezogen, halb Chalet, halb Landhausstil, mit etwas südländischem Einschlag.  „Sehr eigenwillig, offenbar wie die Besitzerin“, dachte ich amüsiert, jedoch auch etwas nervös. Hinter dem Haus hörten wir das Lachen und Rufen von mehreren Leuten. „Hast du Hunger?“ fragte Timo. „Es brennt bestimmt ein Feuer beim Sitzplatz. Du wirst staunen, was man alles grillieren kann, auch ohne Fleisch. Wenn wir Glück haben, ist jemand dabei, Spaghetti zu kochen in der Küche.“ Der Gedanke an Essen liess meinen Magen knurren. Doch kaum hatten wir ein paar weitere Schritte getan, trat eine Frau, die nur Mona sein konnte, aus dem Haus. Ich weiss nicht, wie ich sie mir vorgestellt hatte, doch so auf keinen Fall. Zwar war sie unbestritten eine attraktive Frau mittleren Alters, mit halblangen, blondierten Haaren, die sehr sorgfältig und makellos nach hinten frisiert waren. Doch ich fand sie viel zu auffällig geschminkt. In ihrem eleganten Kostüm und den halbhohen Pumps, auf welchen sie kaum gehen konnte auf dem Kiesplatz, sah sie in dieser ländlichen Gegend ziemlich deplatziert aus. Wie in einer Werbeaufnahme vor einem unpassenden, gewollt rustikalen Hintergrund. „Vielleicht kommt sie gerade von der Arbeit“, dachte ich, als ich mich von der ersten Überraschung erholt hatte, „ich weiss so gut wie nichts über sie.“ Timo begrüsste Mona mit einem Kuss auf die Wange und stellte mich vor. „Du siehst lustig aus, wie eine Pusteblume“, sagte Mona statt einer Begrüssung, doch sie lächelte nicht dabei. Timo und ich wechselten einen Blick, dann prusteten wir beide los. Das hatte ich nun wirklich noch nie gehört über meine Haare. Mona gefiel es offenbar nicht, dass wir uns so gut verstanden. Sie wandte sich abrupt zum Gehen: „Wir essen hinter dem Haus. Timo, vielleicht möchtest du für deine Grossmutter einen bequemen Stuhl aus dem Wohnzimmer mitnehmen?“ Grossmutter?! Ich glaubte, mich verhört zu haben.  Natürlich könnte ich sehr gut Timos Mutter sein, aber Grossmutter?! Ich starrte Mona mit offenem Mund an. Jetzt lächelte sie freundlich.

Ich ahnte es gleich – dies war der der Anfang einer wunderbaren Feindschaft.

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Bella und Lilly

-8-

Den Anfang verpasst? Hier geht’s zum ersten Teil.

Lilly und Timo hatten mir noch viele lustige Anekdoten aus der Tierarztpraxis erzählt. Lola und der Doktor hatten eine eigene Art der Kommunikation entwickelt, die hauptsächlich aus Halbsätzen, einzelnen Worten, Gesten und Blicken bestand. Es erinnerte ein wenig an das Durchgehen der Checklisten von Flugkapitän und Copilot.  Dies ging jedoch so schnell, dass die Tierhalter es gar nicht richtig mitbekamen. Sie fanden es schön, dass der Doktor so liebevoll mit ihren Tieren sprach während den Untersuchungen und sie nach ihren Schmerzen und Problemen fragte, als ob sie antworten könnten. Auf Lolas fast unverständlich gemurmelte, einsilbige Bemerkungen und Handbewegungen dazu, achteten sie weniger.

Ich fühlte mich wohl mit Lilly. Sie hatte etwas kindlich-argloses, freundliches an sich. Timos schnelle Scherze verstand sie nicht immer, doch war sie stets bereit zu lächeln und zu verzeihen, wenn er sie deswegen foppte. Sie löste in mir einen grossen Beschützerinstinkt aus und ich hoffte, dass ihre Gutmütigkeit nicht zu oft ausgenutzt werden würde.

So fuhr ich in guter Stimmung nach Hause, doch diese sollte kippen, sobald ich in der Wohnung war. Bella blieb in ihrem Bettchen liegen und kam mir nicht entgegen gelaufen wie sonst. Das für sie bereit gestellte Fressen war, wieder einmal, unberührt geblieben. Ihre Nierenkrankheit war letztlich unheilbar, ich konnte nur versuchen, mit Medikamenten und Spezialfutter so viel Zeit wie möglich herauszuschinden. Ich hatte Bella zum ersten Mal gesehen, als in unserer Strasse gebaut wurde und Pfosten und Schranken den Weg versperrten. Während ich mich aufs Balancieren über den schmalen Durchgangspfad konzentrierte, pfiff neben mir ein Bauarbeiter leise durch die Zähne und rief: „Ciao Bella!“ Ich schüttelte innerlich den Kopf. Schön fühlte ich mich schon lange nicht mehr, die Wechseljahre nahmen mich damals gerade sehr mit. Ich fühlte mich manchmal in die Pubertät zurück versetzt mit all den gefühlsmässigen Höhenflügen und Abstürzen dieser Lebensphase. Dazu kamen unausweichlich die ersten Altersanzeichen, die Falten, die grauen Haare, die hartnäckigen paar Pfunde Übergewicht. Wie in der Pubertät wusste ich plötzlich nicht mehr so genau, wer ich eigentlich war und was ich wollte im Leben. Wenn ich mich am Morgen im Spiegel sah, starrte ich mir oft lange und fragend in die Augen, als ob ich da eine Antwort finden könnte. Es war die Zeit, als ich noch allein lebte mit Cedric. Ich führte viele Selbstgespräche, fühlte mich oft  allein und verloren.

„Hey, Bella, wie geht’s dir denn heute?“ doppelte der Bauarbeiter nach und ich drehte mich irritiert um. Sah man mir die Einsamkeit etwa an? Doch zu meiner Überraschung beachtete mich dieser ältere Mann gar nicht, sondern hatte mir den Rücken zugewandt. „Hast du heute überhaupt schon etwas gefressen, mia piccina?“ fragte er soeben liebevoll, „Pause haben wir erst in einer Stunde.“ Erst jetzt sah ich, dass er eine magere, dreifarbige Katze streichelte, die auf einem Haufen Pflastersteine herumturnte. Schamröte schoss mir ins Gesicht. Zum Glück hatte ich nicht auf das Pfeifen reagiert, es hatte offenbar nicht mir gegolten. Nun drehte sich der Arbeiter um und nahm seinen Spaten wieder in die Hand. Dabei entdeckte er mich. Ich bemerkte, dass die Katze ausgehungert aussähe. „Gehört sie denn niemanden?“ fragte ich den Mann und hoffte bereits, er möge nein sagen. Bella sass wie eine Sphinx auf dem obersten Pflasterstein und schaute mich unverwandt an. Ich hörte, dass sie jeden Tag hier auftauche. Die Männer, alle italienischer Herkunft, hätten sie Bella getauft und teilten ihre belegten Brote mit ihr. Sie machten sich Sorgen, wer zu ihr schauen würde, wenn die Arbeiten hier in etwa 2 Wochen beendet sein würden. „Ich nehme sie“, sagte ich spontan. Nie hatte ich auch nur mit dem Gedanken gespielt, mir ein Haustier zuzulegen, doch Bella hatte mich während dem Gespräch keinen Moment aus den Augen gelassen, als ob sie gespannt auf meine Reaktion wartete. Nun nickte ich ihr zu. „Ich will jedoch zuerst abklären, ob sie niemandem gehört. Solange werde ich täglich Katzenfutter hierhin bringen. Falls sich niemand meldet, bringe ich sie zum Tierarzt, vielleicht ist sie gechipt. Wenn die Strasse hier fertig saniert ist, hat Bella auf jeden Fall ein Zuhause.“

Niemand schien Bella zu vermissen. Einen Chip fand der Tierarzt nicht bei ihr, dafür stellte er bei der Untersuchung fest, dass sie leicht erhöhte Nierenwerte hatte. Mit dem richtigen Futter könne ich diese noch lange in Schach halten, tröstete er mich. Leider mochte Bella, ganz Katze, dieses fade Futter nicht besonders und ich musste es  mit normalem Katzenfutter mischen, damit es gefressen wurde. Und so stiegen die Nierenwerte zwar langsam, jedoch stetig an. Unterdessen machte ich mir echte Sorgen. Ich konnte mir ein Leben ohne mein vierbeiniges, verschmustes Mädchen gar nicht mehr vorstellen. An diesem Abend brachte ich ihr etwas Futter ans Bettchen und fütterte sie langsam mit kleinen Stückchen von Hand. „Bitte, bitte friss“, flüsterte ich, „damit du noch lange bei mir bleibst. Jeder Tag ohne Futter macht deine Krankheit noch schlimmer.“

Die nächsten Tage wagte ich mich nur für die nötigsten Botengänge aus dem Haus. Bella frass bloss wenig aufs Mal, dafür trank sie auffallend viel Wasser. Am dritten Tag läutete es an der Tür. Ich war völlig überrascht, Lilly davor stehen zu sehen. „Timo gab mir deine Adresse, ich hoffe das ist in Ordnung“, sagte Lilly fröhlich, „ da ich Ferien habe, dachte ich, ich schau mal bei euch vorbei.“ Ich hatte am ersten Tag mit Timo telefoniert, damit er Bella gut zureden konnte, was das Fressen betraf. Leider half es nicht viel, meine Katze konnte sehr eigensinnig sein. Der unerwartete Besuch von Lilly freute mich sehr. Es tat gut, ein wenig abgelenkt zu werden. Als wir am Kaffee trinken waren, stieg selbst Bella aus ihrem Bettchen und schnupperte neugierig an Lillys Hosenbeinen. Die junge Frau bückte sich und kraulte das schön gezeichnete Katzenköpfchen. „Was bist du für ein prächtiges Tier“, schmeichelte sie, „mehrfarbige Katzen wie du sind selten und gelten als ganz besondere Glücksbringer. Weisst du eigentlich, wie absolut perfekt du bist?“ „Ist sie, doch leider…“ wollte ich Bellas Krankengeschichte erzählen. Doch Lilly legte den Finger an den Mund: „Psst! Sieh in ihr nur das Schöne, Gesunde, Ganze… oder sprich zumindest nur davon, wenn du mit ihr redest. Lobe sie, bewundere sie. So sendest du ihr positive Heilenergie statt Angst und Sorge. Schmeichelei bringt dich immer weit bei Tieren. Bella weiss selber, dass sie krank ist. Wenn du sie jedoch an ihre Schönheit und Kraft erinnerst, wird sich alles in ihr bemühen, wieder gesund zu werden. So ähnlich funktioniert es übrigens auch mit Kindern.“ Ich lernte, dass Lilly in einer Kinderkrippe arbeitete und dort spasseshalber Kinderflüsterin genannt wurde. Wenn sie Dienst hatte, wurden die grössten Rowdys zu Lämmchen und die scheuen Kinder blühten auf. „Machst du das wie vorhin mit Bella?“ fragte ich und sie schmunzelte: „Ähnlich! Ich erinnere sie lieber an ihre Stärken und Begabungen anstatt zu schimpfen. Ich beobachte sie genau und höre gut zu, so finde ich in jedem Kind etwas Einzigartiges und Lobenswertes. Wir haben zum Beispiel zwei starke Jungs, die beide die Nummer eins sein wollten und sich früher oft prügelten. Als es zum ersten Mal während meiner Schicht passierte, sagte ich zu ihnen: „Hm, das überrascht mich nun sehr, dass gerade ihr zwei den einfachsten Weg wählt, um eure Streitigkeiten auszutragen. Ihr seid beides so ausgesprochen kreative, kluge Köpfe und ich staune immer wieder, zu welch cleveren Gedanken ihr fähig seid, was für tolle, fantasievolle  Lösungen ihr für alles findet. Und das in eurem Alter, Hut ab!  Mann, müsst ihr heute einen schlechten Tag gehabt haben.“ Seither versuchen sie mich mit immer neuen Einfällen zu beindrucken und keiner will mehr der erste sein, der einfach drauflos prügelt. Echte und ernst gemeinte Komplimente bringen dich auch bei Kindern weit.“

Zu Lillys Aufgaben gehörte es auch, mit ihren Schützlingen zusammen das Mittagessen einzunehmen. Deshalb hatte ich sie bisher nicht beim Shoppingcenter angetroffen. „Über Mittag bin ich nur dort, wenn ich frei oder Ferien habe“, bestätigte sie. „Du magst Timo sehr, nicht wahr?“ wagte ich zu fragen. Lillys Offenheit machte es mir einfach. Sie lächelte: „Wer nicht! Es ist schön mit ihm zusammen zu sein, man würde nicht denken, wie zerrissen er innerlich ist.“ Dies erstaunte mich sehr, denn ich hatte Timo immer als besonders ausgeglichen und fröhlich erlebt und ihn dafür bewundert. „Er ist ein Empath, wie Lola“, erklärte Lilly, „das kann sehr herausfordernd sein.“ Als sie meinen fragenden Blick sah, fuhr sie fort: „Dies sind Menschen, die sich nicht nur in andere hineinversetzen können, sondern deren Gefühle, Ängste und ihren gesundheitlichen Zustand direkt am eigenen Leib spüren. Es ist schwierig für sie, ihr eigenes Energiefeld von dem anderer zu unterscheiden. Man wird mit dieser Besonderheit geboren, wie mit Linkshändigkeit. Als Kinder denken Empathen, dass alle Leute so sind wie sie und sind fassungslos, wenn ein Mensch oder Tier leidet und sie merken, dass dies andere kalt lässt. Sie können das nicht begreifen, weil dieser fremde Schmerz sie selbst mit Wucht trifft. Telepathie fällt Empathen natürlich besonders leicht. Sie sehen direkt durch die äussere Maske der Menschen hindurch, spüren die Unsicherheit hinter der Arroganz, die Angst hinter der Wut, Die Einsamkeit hinter der Redseligkeit.“ „Was für eine Begabung“, sagte ich beeindruckt. „Segen und Fluch zugleich“, relativierte Lilly. „Timo muss täglich sehr viel Energie aufwenden, um fremde Gefühle und Emotionen auf erträglichem Abstand zu halten. Manchmal gehen ihm die Nerven durch, dann, wenn es zu schrecklich wird für ihn. Wenn im Tram jemand in seiner Nähe echten Pelz trägt zum Beispiel, steigt in ihm, ohne dass er sich dagegen abgrenzen kann, das Gefühl von Panik, Eingesperrt sein, Schmerz und Angst auf. Er spürt harten, kalten Gitterboden unter den Füssen, riecht die Furcht vieler Tiere, Männerschweiss, er hört Schreie und Lärm, spürt Hoffnungslosigkeit… und vor allem eine fürchterliche, unerträgliche Enge und herzzerreissende Sehnsucht nach Freiheit. Ob diese Emotionen im Pelz geblieben sind, oder ob sichTimo unwillkürlich mit einem noch lebenden Tier irgendwo in einem Käfig verbindet beim Sehen des Pelzes, kann er nicht sagen. Doch dieses hautnah miterlebte Leiden lässt ihn manchmal ausrasten.  Letzen Winter hat er einer Frau im Nerzmantel angeboten, aus ihrem Hündchen einen Muff machen zu lassen, der würde doch schön zum Mantel passen. Er hat ihr sehr genau geschildert, was in den Farmen mit den Pelztieren geschieht. Die Frau wurde fast ohnmächtig. Eindruck hat es auf jeden Fall gemacht.“ Lilly hatte nun Tränen in den Augen und ich spürte ebenfalls einen Kloss im Hals. „Deshalb wollen die meisten Empathen viel allein sein, sie brauchen das“, erklärte Lilly weiter, als sie sich wieder gefasst hatte, „dies ist auch der wahre Grund für Timos Berufswahl. In einem Team  würde er zu viele Emotionen aufs Mal wahrnehmen müssen, das wäre sehr anstrengend und belastend für ihn.“

Ich stand auf und nahm aus meiner Malmappe die Zeichnung des kobaltblauen Bandes, welches ich an Timos Handgelenk und später bei den Leuten am Bahnhof gesehen hatte.  Ich legte sie schweigend vor Lilly auf den Tisch. Sie lächelte überrascht. „Das Flashband! Machst du auch mit bei Aktionen? Ich habe dich nie gesehen! Ich werde allerdings für eine Weile nicht mehr dabei sein, ich kann es mir mit meinem Beruf nicht leisten, nochmals von der Polizei befragt zu werden.“ Ich erklärte ihr, dass Timo mich nicht dabei haben wolle. „Es sind Flashmobs, nicht wahr?“ fragte ich. Soviel hatte ich mir bereits selber zusammen reimen können und dass Lilly von Flashband sprach, bestätigte meine Vermutung. „Ja, er organsiert sie über eine geheime Facebook Gruppe. Unterdessen machen viele Leute mit. Je nach Aktion tauchen 20, 30, 50 oder 100 plötzlich an einem Ort auf.“ Jetzt erinnerte ich mich dunkel an Berichterstattungen in der Zeitung.  „Und was machen diese Leute?“ „Je nachdem, was sich Timo ausgedacht hat. Als ich erwischt wurde, war es eine Blitzaktion in der  Delikatessenabteilung eines grossen Warenhauses. Praktisch alle ihrer sogenannten Gourmet Produkte waren unter ausgesprochen tierquälerischen Bedingungen hergestellt worden. Timo hatte bei einem Kollegen im Grafikgewerbe Kleber drucken lassen. Sie zeigten herzige Haustiere: junge Kätzchen, Hundewelpen, Wellensittiche, Goldfische, all die Favoriten. Einzelne Körperteile waren mit Leuchtstift markiert und daneben stand zum Beispiel: „Heute frisches Hundeherz!“ „Katzenbrüstchen“, „Aktion Hundeschenkel“,  „Goldfischragout“,   „Papageiengeschnetzeltes“, „Marinierter Wellensittich“ und so weiter. Wir wollten darauf aufmerksam machen, dass unsere sogenannten Nutztiere oft gedankenlos konsumiert werden, als ob deren Fleisch auf Bäumen wachsen würde. Dies auch von Menschen, die sich tierlieb nennen und ihren Haustieren nichts Böses zustossen lassen würden, im Gegenteil, diese werden manchmal richtiggehend verhätschelt und verwöhnt.

Unsere Aufkleber sind nur schwer zu entfernen. Dies nehmen uns die Geschäftsführer sehr übel, die meisten zeigen uns wegen Sachbeschädigung an. Jeder Flashmobber klebt  blitzschnell 6 Stück davon irgendwo hin. Nie direkt auf die Lebensmittelpackungen, wir wollen nicht, dass diese vernichtet werden müssen. Timo, oder einer von uns, schaut sich das Geschäft vorher schon mal an und zeichnet danach einen Plan von den geeignetsten Flächen, damit die Kleber schön sichtbar sind. Das Ganze darf nicht mehr als 3 Minuten dauern. Es geht uns mit dieser Aktion nicht nur ums Fleisch essen an und für sich, sondern auch um die Tatsache, dass diese Tiere oft so viel Schreckliches durchmachen müssen in ihrem Leben. Meist sind sie noch Babies, wenn sie ihren verzweifelten Müttern weggenommen werden. Ihre kurze Lebenszeit  ist oft alles andere als schön, sogar in der Schweiz. Bevor sie einen beileibe nicht immer schnellen und schmerzlosen Tod sterben, werden sie oft noch auf qualvolle, lange Transporte geschickt. Daran macht man sich vor allem mitschuldig, wenn man Fleisch aus dem Ausland kauft. Ich sage dir, jeder Horrorfilm ist harmlos gegen das, was ich schon auf Videos und Fotos mit ansehen musste. Wir könnten diese schrecklichen Bilder auf die Kleber drucken lassen, doch dann sieht jeder so schnell wie möglich weg. Mit den herzigen Haustieren bringen wir die Leute vielleicht zum Hinschauen und Nachdenken. Es ist allerdings nicht immer einfach für Timo, sich damit bei den Flashmobbern durchzusetzen. Es machen auch radikale Tierfreunde mit, die gern eine härtere Tour fahren würden. Etwas selber zu organisieren, wäre ihnen jedoch zu viel Aufwand. Timo zu drangsalieren und kritisieren ist einfacher.“

Lilly schwieg gedankenverloren. Bella, die sich sonst von fremden Leuten zwar streicheln, jedoch nicht aufheben liess, war von selbst auf ihre Knie gesprungen und lag nun, friedlich zusammengerollt, schnurrend auf ihrem Schoss. Jetzt hob sie wie fragend den Kopf. „Nein mein Schatz, keine Angst, dir passiert so etwas nicht“, versicherte ihr Lilly. „Du solltest das Geschrei hören, wenn bekannt wird, dass jemand Hunde oder Katzen isst. Als ob Schweine, Lämmer, Zickchen und Kälbchen weniger leiden würden. Gehätschelte Lieblinge die einen, reines Verbrauchsmaterial die anderen…“. Sie schluckte. Für eine Weile war es ruhig in der Wohnung, man hörte nur Bella schnurren. Ich hatte noch nie viel Fleisch gegessen und ganz damit aufgehört, als ich Timo kennengelernt hatte. Doch allmählich war mir klar geworden, dass auch die Milch – und Eierproduktion im heutigen Ausmass nicht ohne beträchtliche Grausamkeit möglich war.

Als ob sie meine Gedanken lesen könnte – oder konnte sie es etwa? sagte Lilly: „Zum Glück ist es heute so einfach, vegan oder wenigstens vegetarisch zu leben und trotzdem wunderbar zu essen, wenn man mit solchen Machenschaften nichts mehr zu tun haben will. Folglich wählen seit Jahren immer mehr Leute  diesen Weg. Doch es ist bereits viel erreicht, wenn sich auch die Fleisch- und Fischkonsumenten anfangen Gedanken zu machen, wie und wo diese Tiere gelebt haben, wie sie gehalten wurden und wie sie gestorben sind. Wenn immer mehr Leute nicht mehr möglichst billiges Fleisch einkaufen und allgemein ihren Konsum drosseln, vielleicht ab und zu einen fleischlosen Tag einlegen, müssen die Fleischproduzenten und Händler irgendwann umdenken.“

Lilly war damals im Laden erwischt worden, weil sie zu perfektionistisch war – sie brachte ihre Aufkleber schön ausgerichtet an und strich sie sogar noch glatt. So brauchte sie länger als die 3 Minuten, die pro Flash, wie sie es nannte, eingeplant waren. Die meisten Geschäfte hätten interne Security Leute, die blitzschnell vor Ort seien. „Jeder von uns muss für sich schauen“, erklärte sie mir, „den Job machen und sofort wieder verschwinden. Doch Timo achtete auf mich und schaute nochmals zurück. Prompt wurde ihm von den ersten Sicherheitsmännern der Weg abgeschnitten. Er sprang über eine Reihe Einkaufswagen, stürzte und verstauchte sich das Handgelenk. Doch er konnte fliehen. Mich hatte jedoch bereits ein Security Mann am Arm gepackt.“ „Und wie ging es weiter?“ fragte ich und hätte das zarte Persönchen am liebsten in den Arm genommen beim Gedanken, dass sie grob behandelt worden sein könnte. „Ich behauptete, nichts mit dem Flashmob zu tun zu haben. Ich sei eine zufällig anwesende Kundin und hätte die Kleber nur lesen wollen. Da ich kurzsichtig sei, das bin ich wirklich, hätte ich ganz nah rangehen müssen. Sie nahmen meine Personalien auf und stellten viele Fragen, auch zu meinem blauen Armband. Sie hatten dies an mehreren Personen entdeckt, klar, es ist unser Erkennungszeichen. Doch ich drehte mein Handgelenk um und zeigte auf das „V“: „So eins tragen viele Veganer. Es ist wie ein Abzeichen. Gut möglich, dass es welche unter dem Flashmob hatte. Es würde zum Thema passen.“ Lilly musste unwillkürlich lachen. „Sie glaubten mir kein einziges Wort. Doch sie konnten mir nichts beweisen; und ich kann sehr harmlos und unschuldig schauen. Die Lillie vom Felde halt. Meine tätowierte Schwester hätte es vielleicht schwerer gehabt. Ich glaube, sie hielten mich für ein bisschen beschränkt. Jedenfalls kam ich mit einer Verwarnung davon.“

Lilly schaute auf die Uhr: „Ich erzähle dir ein anderes Mal mehr. Nun muss ich gehen, ich will noch einkaufen, bevor die Läden schliessen.“ Sie musste die protestierende Bella richtiggehend von ihren Knien schubsen. Ich traute meinen Augen nicht. Fast war ich ein wenig eifersüchtig. Später richtete ich mein Nachtessen und wählte für Bella ohne grosse Hoffnung ein besonders feines Futter aus meiner umfassenden Auswahl. Sie hatte an dem Tag noch so gut wie nichts  gefressen, was gefährlich war für sie und ihre Krankheit noch verschlimmerte. Ich hatte ihr dies immer und immer wieder versucht zu erklären. Timo bestätigte, dass sie mich verstanden hatte. Dennoch wandte sich Bella meist nach wenigen Bissen vom Fressen ab und zog sich aufs hohe Bücherregal zurück, wo sie ihre Ruhe hatte. Nach draussen wollte sie schon länger nicht mehr.

Heute Abend betrachtete ich nachdenklich die gefüllte Futterschüssel, bevor ich sie auf den Boden stellte. Dann nahm ich Bella auf  den Arm und streichelte sie. „Du bist eine wunderschöne Katze, alles an dir ist einfach perfekt“, sagte ich zu ihr. „ Das feine Nachtessen wird dafür sorgen, dass dein seidiges Fell so prachtvoll bleibt. Deine schönen, strammen Beine werden stark bleiben, damit du weiterhin elegant aufs oberste Regal springen kannst. Alle Spielmäuse müssen sich in Acht nehmen vor dir, denn du tankst jetzt Energie und wirst die schnellste Katze weit und breit.“ Ich stellte sie vor die Futterschüssel. „Schau mal, wunderbares, gesundes Fressen für eine absolut wunderbare, gesunde Katze.“ Ich kam mir, ehrlich gesagt, ziemlich komisch vor und war froh, dass mich niemand hörte. Doch, wie Lilly vorhergesagt hatte, sind Katzen offenbar sehr empfänglich für Komplimente. Nach kurzem Zögern fing Bella an zu fressen und hörte nicht mehr auf, bis fast alles weggeputzt war. „Du hast mich gerade zum allerglücklichsten Menschen gemacht, Bella“, sagte ich, und dies war keine Schmeichelei, sondern die pure Wahrheit.

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Lolas Geschichte

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-7-

Nun war mir auch klar geworden, weshalb ich an dem jungen Timo so den Narren gefressen hatte. Er war nur wenig älter als mein Sohn, doch die Art wie er mich behandelte, schmeichelte mir und tat mir gut. Er sprach, scherzte und lachte offensichtlich gern mit mir, war ein guter Zuhörer und respektierte meine Meinung. Noch nie in meinem ganzen Leben war jemand so auf mich eingegangen; noch nie hatte ich von jemandem so viel gelernt.

Nach meinem gedanklichen Abstecher in die Vergangenheit mit all den aufwühlenden Gefühlen, freute ich mich heute besonders darauf, ihn zu sehen. Nach einigem Suchen entdeckte ich ihn unten beim Sihl Ufer. Er beobachtete Buddy, der konzentriert in der Wiese schnüffelte. Ich hatte Timo zuerst fast nicht erkannt. Es war endlich warm geworden, ein sonniger Frühsommertag. Timo trug zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, keine Mütze mehr und seine Haare waren ein ganzes Stück kürzer. Ich musste unwillkürlich lächeln. Die neue Frisur passte nicht mehr so sehr zu Buddys lockigen Seitenpartien, dafür sahen nun die  dichten Haarbüschel auf Timos und Buddys Kopf recht ähnlich aus.   Erst als ich schon fast neben den beiden stand, bemerkte ich, dass Timo mit einer jungen Frau sprach, die am Boden kauerte und die Enten und Schwäne mit ihren Jungen beobachtete. Ich sah sie zuerst nur von hinten, doch die schulterlangen, schwarzen Haare und die schlanke Gestalt kamen mir bekannt vor. Lola?! Doch als sie aufstand und sich umdrehte, sah ich, dass ihre dünnen Arme ohne Tätowierungen waren. Es war das Gesicht von Lola, doch ohne Piercings und Nasenring. Ich blieb verwirrt stehen. Lola hatte taff ausgesehen, ihre Tätowierungen waren bestimmt nicht Aufklebebilder aus dem Kaugummi Automaten gewesen. Buddy entdeckte mich und kam begeistert, wenn auch gemütlich, angetrottet. Unterdessen hatte er mich ins Herz geschlossen. Vielleicht auch nur die Hundekekse, die ich jetzt immer in der Tasche hatte.

„Komm“, rief mir Timo zu, „ich möchte dir jemanden vorstellen!“ Nein, es war definitiv nicht Lola. Wenn sie noch irgendwie ihre Tattoos hätte verschwinden lassen können, ein so aufrichtig freundliches und offenes Lächeln hätte sie bestimmt nicht zustande gebracht. Diese junge Frau war zudem etwas kleiner als Lola. „Bist du Lolas Zwillingsschwester?“ fragte ich dennoch als erstes, nachdem wir uns die Hand gegeben hatten. Sie lachte. „Das werde ich oft gefragt. Nein, wir sind weder vom Geburtsdatum, noch von der Gesinnung oder Einstellung her Zwillinge. Ich bin ihre jüngere Schwester Lilly. Es wundert mich nicht, dass sie dir nichts von mir erzählt hat. Sie ignoriert mich so gut wie möglich.“ „Wispy und Lola haben sich nur flüchtig getroffen“, erklärte Timo, „und gerade du solltest eigentlich hinter die coole Fassade deiner Schwester sehen können. Glaub mir, niemand dürfte dir, ihrer kleinen Schwester, auch nur ein Haar krümmen. Sie hat sich fürchterlich aufgeregt als du letzthin“….er zögerte mit einem Blick auf mich, „unseretwegen mit der Polizei zu tun hattest.“ „Sie nennt mich „ Die Lilie vom Felde“, schüttelte Lilly den Kopf, „und glaub‘ mir, das ist nicht als Kompliment gedacht. Sie hält mich für naiv und dumm und lässt mich das bei jeder Gelegenheit spüren.“ „Lola kann unglaublich schnippisch und verletzend sein, da hast du Recht“, stimmte Timo zu, „doch mir gefällt, wie bedingungslos sie alle Tiere liebt. Irgendwo tief in ihr muss ein guter, weichherziger Kern sein.“ „Wenn das so ist, hat sie ihn gut versteckt. Ich hoffe nur der Winzling stirbt nicht einen einsamen Tod in der Kälte um sich herum.“ Doch Lilly lächelte. Sie hatte offenbar ein sonniges Gemüt. „Es ist mir schon klar…wenn ich ein Hund oder eine Katze wäre, könnte ich nichts falsch machen.“ Timo schmunzelte ebenfalls. „Da ist etwas Wahres dran. Doch du musst zugeben, Lilly, ihr Doktor wäre verloren ohne sie. Seine neue Bekanntheit und Beliebtheit hat er grösstenteils ihr zu verdanken. Sie lässt ihn dies jedoch nie spüren und erzählt es niemandem.“ „Ja, das stimmt“, lachte Lilly hellauf, „hast du gehört was gestern in der Praxis passiert ist?“ Wir hatten uns unterdessen auf eine Bank gesetzt. Ich räusperte mich und unterbrach Lilly. „Lola arbeitet bei einem Arzt?“, fragte ich ungläubig. Ich stellte sie mir in einem tief ausgeschnittenen weissen Kittel vor, mit ihren wilden, farbigen Mustern auf Armen und Schultern, dem Nasenring und den Piercings im Gesicht. In einer Arztpraxis?! Wirklich?! „Beim Tierarzt hier um die Ecke“, berichtigte Lilly, „deshalb findet man diesen jungen Mann hier so oft in dieser Gegend“,  schubste sie Timo lachend in die Seite. Dieser schüttelte mit gespielter Verzweiflung den Kopf, rollte mit den Augen und stöhnte: „Frauen!“ Da er mich dabei ansah, entging ihm Lillys Blick. Doch ich wusste nun, dass die Schwestern sehr wohl etwas gemeinsam hatten.

Das Bild in meinem Kopf änderte sich nur wenig. Tiere haben zum Glück keine Vorurteile, doch wie ist es mit ihren Menschen? „Lola ist fürs Putzen zuständig“, unterbrach Lilly meine Gedanken,  „zugleich ist sie unersetzlich, wenn es um Diagnose und Behandlungen geht.“ „Wie denn das?! Warum ist sie nicht die Assistentin des Tierarztes, wenn sie sich so gut mit Krankheiten auskennt? Das will ich jetzt aber genau wissen“, bat ich.

Und so erfuhr ich die Geschichte von Lola, abwechslungsweise (und manchmal gleichzeitig) erzählt von Lilly und Timo.

Vor einem guten Jahr wurde Lola wieder einmal arbeitslos. Sie war danach im Streit bei den Eltern ausgezogen und wohnte bei einer Freundin. Zu deren Haushalt gehörte Mephisto, der schwarze Kater. Lola liebte ihn abgöttisch. Eines Tages, kurz vor Mittag, hörte sie Reifen quietschen auf der Strasse vor der Tür. Dann war es erst ruhig, bevor mehrere Kinder, die von der Schule kamen, anfingen zu schreien. Lola hörte eine Autotür zuknallen und gleich darauf eine Männerstimme über einen schwarzen Teufel fluchen. „Mephisto!“ schoss es ihr durch den Kopf. Sie rannte nach draussen. Und wirklich, am Strassenrand lag regungslos der kleine, drahtige schwarze Kater. Etwas Blut tröpfelte aus seinem Mund. Lola kniete sich weinend neben ihn und prüfte seinen Puls. „Er lebt noch“, schluchzte sie, „er muss sofort zum Tierarzt!“ Der Fahrer kratzte sich am Kopf. „Er ist mir direkt vors Auto gelaufen“, knurrte er, „und ich bin ohnehin spät dran. Ins Tierspital kann ich jetzt nicht noch fahren.“ Doch Lola hatte Mephisto bereits auf dem Arm und wickelte ihn in ihre Jacke. „Unser Tierarzt hat seine Praxis nicht weit von hier. Fahren Sie uns hin, das ist das Mindeste was Sie tun können! Sonst zeige ich Sie an!“versuchte sie den Mann anzufauchen, doch sie wurde von Schluchzern geschüttelt. Der Mann seufzte resigniert und öffnete die Beifahrertür. „Also gut, zeigen Sie mir den Weg.“

Der Tierarzt war nicht begeistert. Seine Praxis war klein und er kämpfte seit der Eröffnung mit finanziellen Schwierigkeiten. Es war nicht einfach. Die Leute gingen lieber in grössere Kliniken, die über ein eigenes Labor und ein Ultraschallgerät verfügten. Dies konnte er sich beides nicht leisten. Obwohl er seine ganze Energie, Zeit und sein Herzblut in die Praxis steckte, kam er nicht wirklich aus den roten Zahlen heraus. Zwar hatte er unterdessen einen kleinen Kundenstamm, doch die Zahlungsmoral der Leute war schlecht geworden. Es widerstrebte dem Tierarzt, gleich zu Anfang Geld von den Leuten zu verlangen, doch wenn seine Rechnungen nicht oder erst nach mehreren Mahnungen bezahlt wurden, beschloss er Mal für Mal, in Zukunft strikter zu sein.

„Ihre Katze hat offenbar innere Verletzungen. Ich muss sie röntgen, sehr wahrscheinlich braucht sie eine Operation. Das kann sehr teuer werden. Kommen Sie für die Kosten auf? Denn, bitte entschuldigen Sie meine Offenheit, Mephistos Besitzerin glänzt nicht gerade durch eine hervorragende Zahlungsmoral.“ „Sie wird bezahlen, oder ich bezahle…versprochen! Bitte retten Sie Mephisto! Er ist doch erst 8 Jahre alt. Ich bin ohne Tasche aus dem Haus gerannt, doch Sie bekommen Ihr Geld, ganz bestimmt“, bettelte Lola. Der Tierarzt schaute sie einen Moment lang schweigend an. Er blickte in schmerzerfüllte Augen, aus denen eine Flut von Tränen über die Wangen rann und vom Kinn auf die Kleidung tropfte. Mit ihrer laufenden Nase und den zitternden Lippen sah Lola wie ein kleines Mädchen aus und nicht wie die taffe junge Frau, die zu sein sie vorgab. Der Tierarzt glaubte ihr kein Wort, was das Bezahlen anging. Sie sah nicht aus wie jemand, der ein paar Tausend Franken aus dem Ärmel schütteln konnte. Dennoch gab er sich geschlagen. „Sie haben Glück, dass ich gerade Mittagspause machen wollte. Die ist nun wohl gestrichen.“ Er wickelte den bewusstlosen Mephisto behutsam in ein Tuch. „Ich nehme ihn mit in den Nebenraum. Lassen Sie mir Ihre Telefonnummer auf dem Schreibblock dort drüben, ich rufe Sie später an.“ Lola konnte nicht mehr sprechen. Sie nickte nur. Als sich die Türe hinter den beiden geschlossen hatte, schrieb sie unter ihre Telefonnummer ein grosses „Danke“ auf den Zettel und zeichnete eine Blume darunter.

Mephisto hatte mehrere Verletzungen davon getragen, doch er überlebte. Was nicht überlebte, war die Freundschaft zwischen den zwei Frauen, deren Wohnungspartner Mephisto gewesen war. Susanne hatte ihn von der Vormieterin übernommen, weil er nicht am neuen Ort bleiben wollte, sondern immer wieder vor ihrer Tür stand. Doch Mephisto machte klar, dass er der Chef im Haus war. Er liess sich nicht aus der offenen Küche vertreiben. Wenn Susanne am Kochen war,  stolperte sie Mal für Mal über ihn. Mephisto weigerte sich, die Katzentüre zu benutzen, er  bestand darauf, dass man ihm die Türe öffnete, wenn er raus wollte. Und nachher wieder rein. Und wieder raus. Und so weiter. Wenn es sein musste, unterstrich er seinen Wunsch oder besser gesagt Befehl durch Heulen und  Kratzen an der Türe, so lange wie es eben dauerte, bis ein entnervter Zweibeiner nachgab.

Wenn ihm Gäste nicht passten, konnte er dies deutlich zeigen, indem er ständig herumtigerte und laut schrie. Einmal passierte es sogar, dass er in ein Paar besonders verhasste Schuhe im Korridor urinierte. Bei Lola und ihm hingegen war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Beide waren zumindest gegen aussen gleich stark und selbstbewusst. Wenn diese beiden schwarzhaarigen Seelenverwandten abends zusammen auf dem Sofa kuschelten, konnte man Lolas Haare und Mephistos Fell nicht mehr unterscheiden. Sie schnurrten, beziehungsweise flüsterten sich gegenseitig Liebesbezeugungen ins Ohr und sahen beide aus, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten.

Susanne hatte überhaupt nicht im Sinn, für Mephisto so viel Geld auszugeben. Es war nicht so, dass sie ihn nicht auch gern gehabt hätte, doch sie kam aus einer Bauernfamilie und war nicht zimperlich Tieren gegenüber. Katzen gab es schliesslich wie Sand am Meer, oder nicht?! Susanne war zwar ein wenig älter als Lola, doch auch nicht auf Rosen gebettet. Und ihr gesamtes Erspartes zu opfern für diesen lauten, frechen Kater, kam ihr im Traum nicht in den Sinn. Falls sie wieder eine Katze wollte, würde sie sich jederzeit eine vom Bauernhof holen können. „Zwei junge, lustige Kätzchen, das wäre doch schöner als so ein missmutiger, eingebildeter schwarzer Kater“, schwärmte sie einer fassungslosen Lola vor und verstand nicht, warum diese augenblicklich explodierte und ausfallend wurde.

Als der Tierarzt meldete, man dürfe Mephisto am nächsten Tag abholen, hatte Lola eine schlaflose Nacht. Schliesslich schluckte sie ihren Stolz hinunter, etwas, das ihr sehr, sehr schwer fiel. Wahrscheinlich hätte sie dies nur für die allerengsten Familienmitglieder getan. Oder, in diesem Fall, für einen wirklich sehr geliebten, schwarzen Vierbeiner. Sie hatte nur eine einzige Lösung gefunden und wusste nicht einmal, ob sie funktionieren würde. Als erstes musste sie zuhause zu Kreuze kriechen und darum bitten, wieder einziehen zu dürfen. Sie konnte und wollte nicht mehr mit Susanne zusammen wohnen nach diesem Vorfall. Zudem war ihr klar, dass sie in Zukunft ihr ohnehin nicht üppiges Arbeitslosengeld sparen musste. Die Eltern nahmen ihr das Versprechen ab, sich besser an die Hausregeln zu halten und sich einen anständigeren Umgangston anzugewöhnen. Und sich natürlich so schnell wie möglich eine Arbeit zu suchen. Eigentlich wollten sie ihrer Tochter eine ausführliche Standpredigt halten; doch Lola war ungewohnt ruhig und verständnisvoll. Sie sah durch die Ereignisse der letzten Tage und die schlaflose Nacht erbarmungswürdig aus. Die Eltern gaben schliesslich nach, machten ihrer Tochter jedoch klar, dass sie sich nichts mehr gefallen lassen würden. Diese versprach alles, was Vater und Mutter hören wollten und holte danach sofort ihre Siebensachen aus Susannes Wohnung. In der Küche liess sie Geld für die laufende Miete und einen Zettel, auf dem stand: „Ich bezahle den Tierarzt, dafür gehört Mephisto jetzt mir. Viel Spass mit den neuen Kätzchen. Wir sind dann mal weg.“

Dann kam der schwierigste Teil. Mit Herzklopfen stand Lola etwas später vor dem Tierarzt, holte tief Luft und sagte: „Ich habe das Geld für Ihre Rechnung im Moment nicht.“ Er schaute sie schweigend an. Nicht, dass es ihn besonders überraschte, doch er hatte gehofft, sein Gefühl täusche ihn. Er war mehr resigniert als wütend, er hätte es ohnehin nicht fertig gebracht, ein verletztes Tier nicht zu behandeln. „Ich habe einen Vorschlag“, fuhr Lola rasch fort, „während ich spare und jeden Monat abstottere was ich kann, könnte ich doch bei Ihnen arbeiten. Gratis natürlich. Zwar habe ich keine Ausbildung in Tiermedizin, doch ich könnte Ihnen abnehmen, was es sonst zu tun gibt. Ihr Telefon beantworten, Ihre Rechnungen schreiben, putzen…was immer Sie wollen. Ich bin im Moment gerade arbeitslos.“ Sie hatte bemerkt, dass der Tierarzt offenbar nicht einmal eine Assistentin hatte. Er sah müde und überarbeitet aus. So fühlte er sich auch, doch einer völlig Fremden Zugang zu seinen Kundendaten zu geben, kam für ihn trotzdem nicht in Frage. Nach Feierabend jeweils noch die ganze Praxis zu putzen, fand er insgeheim jedoch auch zunehmend mühselig. Lolas Angebot reizte ihn, doch, wie er ihr später gestand, allzu viel traute er ihr nicht zu. Lola kannte diesen Blick. „Ehrlich, Doktor, ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie Mephisto gerettet haben. Es tut mir sehr leid, dass ich die Rechnung nicht sofort bezahlen kann. Geben Sie mir doch eine Chance, etwas gut zu machen.“ Schliesslich einigten sie sich auf eine Probezeit. Gratisarbeit kam für den Tierarzt jedoch nicht in Frage, doch Lolas Lohn würde bescheiden sein.

Am Anfang durfte sie nur in den Nebenzimmern putzen, wenn es Leute in der Praxis hatte. Im einen Raum waren oft Tiere zur Überwachung oder Erholung nach Operationen untergebracht. Lola kümmerte sich sehr liebevoll und zuverlässig um sie, was dem Tierarzt nicht entging. Sie hielt seine Praxis tadellos sauber und war sich für nichts zu schade. Jeden Monat beglich sie einen kleinen Anteil der Rechnung. Als sie einmal im Praxisraum putzen musste, weil ein kleiner Hund vor Aufregung seine Blase nicht mehr unter Kontrolle hatte, bat der Tierarzt sie, zu bleiben und das Hündchen während der nachfolgenden Behandlung zu beruhigen. Er hatte bemerkt, dass Lolas Stimme eine fast magische, besänftigende Wirkung auf Tiere hatte.  „Was er nicht realisiert hatte“, lachte Timo, der mir diesen Teil der Geschichte erzählte, „ist, dass Lola wie ich mit den Tieren kommunizieren kann. Sie ist ein Naturtalent. Oft musste sie sich am Anfang auf die Lippen beissen, wenn sie merkte, dass der Tierarzt eine falsche Diagnose stellte. Oder dass die Tierbesitzer ihn anlogen. Dies war der schwierigste Teil für sie. Sie wollte niemanden mit ihrem Wissen erschrecken, doch sie hielt es manchmal fast nicht aus. Innerlich entschuldigte sie sich laufend  bei den Tieren dafür, dass sie sich nicht für sie einsetzte.“

Immer öfters war Lola nun während den Untersuchungen im Raum. Bereits ihre Anwesenheit schien die Tiere zu beruhigen, selbst wenn sie  im Hintergrund mit Putzarbeiten beschäftigt war. Niemand ahnte, dass die Vierbeiner und sie in ständige, telepathische  Gespräche vertieft waren . Den Tierarzt nannte Lola nur „Doktor“. Er hatte ihr nach ein paar Wochen das „Du“ angeboten. Sie nahm zwar an, doch sie erzählte ihm, dass sie ein grosser Fan der britischen Science Fiction Serie „Dr. Who“ sei; und sich schon immer gewünscht hatte, jemanden einfach mit „Doktor“ ansprechen zu können. Zwischen den beiden entwickelte sich eine eigenartige, jedoch höchst effektive Art der Zusammenarbeit. Zwar fiel dem Doktor auf, dass seine neue Hilfskraft stets im Voraus zu wissen schien, was er gleich sagen würde, oder was zu tun war. Er fand das sehr angenehm, machte sich jedoch keine weiteren Gedanken darüber. Hatten die Tierbesitzer in der ersten Zeit noch den einen oder anderen schiefen Blick auf Lola geworfen, so war sie unterdessen bei allen sehr beliebt geworden. Sie blickte deren verängstigte und  nervöse Lieblinge einfach ruhig an und wie durch Zauberei beruhigten sich diese und liessen sich danach meistens widerstandslos behandeln. Im Wartezimmer kursierten viele lustige Geschichten darüber. Lola hätte es nichts ausgemacht, den Leuten die Tierkommunikation zu erklären und vorzuführen, doch sie wollte nicht, dass ihr verehrter Doktor in ein schiefes Licht kommen könnte.

Sie fand es jedoch zunehmend schwierig, ihr Wissen für sich zu behalten. Die Tiere realisierten sofort, dass sie sie verstehen konnte. Sie erzählten Lola von langen Tagen allein in der Wohnung, von zu kurzen Spaziergängen und zu strengen Disziplinarmassnahmen. Sie schickten ihr telepathisch Bilder von zu selten geputzten Katzenklos, liessen sie billiges, fast ungeniessbares Futter schmecken und riechen, zeigten ihre Angst, wenn sie  durch Kinder oder gedankenlose Erwachsene geplagt wurden. Lola war jedoch auch immer wieder überwältigt von der bedingungslosen, riesigen Liebe, die alle Tiere zu ihren Menschen fühlten. Ihre schnelle Bereitschaft zu verzeihen, ihre Geduld und ihr Verständnis erfüllten sie mit grossem Respekt.

Eines Tages putzte sie gerade den kleinen Kühlschrank, in welchem sie Insulin und Impfstoffe lagerten, als sie ein Gespräch zwischen dem Doktor und einer Hundebesitzerin mithörte. Der kleine Beagle Ronny kam zum wiederholten Male mit Magen-Darmbeschwerden in die Praxis. Bisher hatte keine Behandlung für längere Zeit geholfen. Nun wurden weitere Tests und eine Ultraschallkontrolle in Betracht gezogen, obwohl beide Gesprächspartner nicht völlig überzeugt waren von dieser Idee. Die Frau scheute den Aufwand und die Kosten, denn sie hätte Ronny dazu ins Tierspital bringen müssen. Der Doktor hingegen hatte das diffuse Gefühl, er könnte etwas übersehen haben. Hatte er wirklich alles abgeklärt? Vergiftung, Nahrungsmittelunverträglichkeit, zu viel Magensäure… “Zu kalt!“ signalisierte Ronny, als Lola ihn fragend anblickte. „Sie gibt mir eiskaltes Futter! Das schlinge ich sofort herunter, ich kann nicht langsam fressen. Ich bin ein Hund. Nachher tut mir jedes Mal der Magen weh.“ Lola hörte auf zu putzen und überlegte, was sie tun könnte. „Sag’s ihm, sag’s ihm…!“ drängte der Hund. „Ich weiss nicht wie ich das unauffällig tun könnte, Ronny, sie sind ja beide im Raum“, seufzte Lola, doch dann hatte sie eine Idee. Sie holte einen Beutel Hundefutter aus dem Nebenraum, legte ihn in den Kühlschrank und rief ihrem Doktor zu: „Es tut mir sehr leid wenn ich störe, doch ich muss dich ganz dringend etwas zur letzten Lieferung Impfstoff hier fragen. Könntest du rasch kommen?“ Der Doktor war irritiert und erstaunt, denn Lola hielt sich sonst sehr diskret im Hintergrund, wenn sie ihm nicht assistierte. „Muss das gerade jetzt sein?“ fragte er ungeduldig.  „Ich glaube schon“, sagte Lola und hielt zum Schein kleine Fläschchen gegens Licht. Die Kundin meinte: „Gehen Sie ruhig, ich muss sowieso noch einen Moment nachdenken.“ Als der Doktor verständnislos und kopfschüttelnd vor Lola stand, zeigte diese auf das Hundefutter im Kühlschrank. „Ist dies nicht viel zu kalt gelagert? So ist es doch bestimmt schädlich?“ Mit dem Kopf zeigte sie auf Ronny. „Viel zu kalt“, sagte sie eindringlich, und nun verstand der Doktor. „Ja, diese Impfmittel dürfen keinesfalls so kalt gelagert werden“, sagte er laut. „Danke für deine Aufmerksamkeit.“ Und fragte, während er zum Behandlungstisch zurückging, die Kundin: „Wenn wir gerade von „zu kalt“ sprechen, da kommt mir etwas in den Sinn – Sie geben ihrem Hund das Futter doch nicht etwa eiskalt, direkt aus dem Kühlschrank?“ Damit löste sich das Rätsel und eine erleichterte Hundehalterin mit ihrem nicht weniger erleichterten Hund verliessen Minuten später die Praxis. „Wie bist du darauf gekommen?“ fragte der Doktor später, „ich kann es nicht fassen, dass ich vor lauter Symptomen und Therapiemöglichkeiten etwas so Elementares ausser Acht gelassen hatte.“ „Ach, das war Zufall“, winkte Lola ab, „der Hund einer Nachbarin hatte einmal ein ähnliches Problem und als ich den Kühlschrank putzte, kam es mir plötzlich wieder in den Sinn.“

Der Doktor liess es im Moment auf sich beruhen. Doch von da an ertappte er sich dabei, wie er  Lola jeweils einen schnellen Blick zuwarf, wenn er vor einem Rätsel stand bei der Diagnosestellung. Sagte er dann, während er ein Tier abtastete, anscheinend nur so vor sich hin: „Es könnte mit den Nieren zusammenhängen“, sah er Lola fast unmerklich nicken oder den Kopf schütteln. Es war eine kaum sichtbare Bewegung und er war nie ganz sicher, ob er richtig gesehen hatte. Doch wenn er danach handelte, war es immer korrekt.

Eines späteren Nachmittags kam eine Nachbarin ganz aufgelöst in die Praxis. Sie hatte Handzettel dabei und fragte, ob sie ein paar davon im Wartezimmer aufhängen dürfe. Ihre Katze Princess sei seit zwei Tagen verschwunden. Sie käme sonst jeden Abend zur gleichen Zeit nach Hause. Man könne fast die Uhr nach ihr stellen. „Darf ich mal sehen?“ fragte Lola und schaute sich das Bild der prächtigen, weissen Katze mit den langen Haaren genau an. „Haben Sie sie irgendwo gesehen?“ fragte die Nachbarin hoffnungsvoll, doch Lola schüttelte den Kopf: „Leider nicht.“ Dann wandte sie sich an den Doktor und fragte, ob sie etwas früher gehen könne am Abend. „Ich muss noch in die Autogarage, bevor sie dort schliessen.“ „Aber du hast doch gar kein Auto?“ fragte der Doktor erstaunt. „Du kannst ja nicht einmal fahren.“ Lola blickte schnell zur Nachbarin, doch diese war mit dem Aufhängen der Zettel beschäftigt und hatte nicht zugehört. Lola zuckte mit den Schultern. „Man findet nicht nur Autos in einer Garage. Es gibt auch Überraschungen.“ Der Doktor sah sie nachdenklich an. Dann wandte er sich an die unterdessen leise weinende Frau und fragte: „Haben Sie überall nachgesehen? Auch in der Garage?“ „In jedem Keller der Nachbarschaft und auch in den Garagen. Unsere eigene benutzen wir nicht mehr, seit wir kein Auto mehr besitzen. Dort kann sie nicht eingeschlossen worden sein.“ „Die Garage hat doch sicher ein Fenster“, meinte der Doktor, doch die Frau schüttelte den Kopf: „Nur ein kleines ganz hoch oben, es ist zudem vergittert. Ich weiss nicht einmal mehr, wo der Schlüssel zur Türe ist, ich war schon lange nicht mehr drin. Mein Mann auch nicht.“ Lola wandte sich an den Doktor: „Du hast Recht, ich sollte Fahrradfahren lernen. Als ich klein war, kosteten gute Räder noch ein Vermögen und ich hatte nie eines. Heute fährt jeder Schuljunge damit herum. Besitzt hier auch jedes Kind ein Velo?“ wandte sie sich an die Nachbarin und verkniff sich ein Schmunzeln, als sie sah, wie diese sich an den Kopf schlug: „Das Fahrrad unseres Nachbarjungen! Mein Mann hatte ihm erlaubt, es während den Ferien in unsere Garage zu stellen. Die Familie fuhr in den Urlaub und der Kleine hatte Angst, es werde ihm gestohlen oder beschädigt. Natürlich! Mein Mann öffnete kurz die Garagentüre für ihn….“ Und schon war sie aus dem Haus gerannt.

„Ich muss wohl nicht raten“, sagte der Doktor, „die Katze ist in der Garage?“ „Ich denke schon“, sagte Lola. „Sie hat mir Bilder aus einem muffigen, staubigen, fast dunklen Raum mit kaltem Boden geschickt. Nur von hoch oben kommt etwas Tageslicht herein. Es riecht nach Öl, Benzin und alten Putzlappen. Als ich sie nun genauer befragte, konnte sie mir die Umrisse von alten Autoreifen und einem Fahrrad beschreiben. Beides kennt sie von  der Strasse her. Sie hat Hunger und Durst, es ist gut, wenn sie bald gefunden wird.“

Der Doktor schaute auf die Uhr. „Für heute haben wir keine Patienten mehr. Ich müsste Büroarbeiten erledigen und ich weiss, dass du die Böden feucht aufwischen wolltest. Stattdessen“ – er setzte sich auf einen Stuhl im Wartezimmer, zog einen zweiten zu sich heran und klopfte mit der Handfläche drauf – „setz dich hierhin, junge Lady. Jetzt will ich wissen, wie du das machst. Die ganze Story, bitte.“

Später am Abend ging die Katzenbesitzerin von Tür zu Tür, um alle Nachbarn glückstrahlend darüber zu informieren, dass sie ihre weisse Prinzessin zwar schmutzig, hungrig und durstig, jedoch wohlbehalten in der Garage gefunden hatte. Sie wunderte sich, dass beim Tierarzt immer noch Licht brannte. „Sicher ein Notfall. Der junge Mann arbeitet viel zu viel“, dachte sie bei sich und überlegte, ob sie es wagen sollte, um die Zeit noch zu läuten. Sie wollte ihm so schnell wie möglich von der glücklichen Rettung erzählen und ihm für den Tipp danken. Als sie noch unentschlossen im Flur stand, wurde sie von einem jungen Mann überholt, der zwei grosse, weisse Schachteln im einen Arm trug und eine Flasche Wein im anderen. Während er laut:  “Pizzaservice!“ rief, klingelte er Sturm beim Tierarzt. Offenbar war er erwartet worden. Ware und Geld wechselten unter der halb offenen Türe so schnell den Besitzer, dass die erstaunte Frau nur einen kurzen Blick auf den Tierarzt erhaschte. Doch bemerkte sie sofort, dass er bedeutend entspannter, gelöster und glücklicher wirkte, als sie ihn je gesehen hatte.

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Auf eigenen Beinen

Den Anfang verpasst? Hier geht’s zum ersten Teil.

-6-

Als ich nach der Trennung  völlig aufgewühlt nach Hause gekommen war, erlaubte ich mir endlich, meine Gefühle mit voller Wucht zu spüren. Ich weinte die ganze erste Nacht hindurch. Ich weinte um unsere Ehe, um unsere Träume von einem glücklichen Familienleben, um unseren unerfüllten Kinderwunsch und die Ironie des Schicksals, dass er sich ausgerechnet jetzt noch erfüllen sollte. Ich weinte beim Gedanken daran, wie viele Abende ich allein oder in schlechter Stimmung mit Paul zusammen in dieser Wohnung verbracht hatte, statt auszugehen und Spass zu haben wie meine Freundinnen. Wie wenig hatte ich in den letzten Jahren gelacht, wie sehr hatte ich mich verloren. Unsere gegenseitige Lieblosigkeit machte mich tieftraurig, wie auch die Tatsache, dass ich nicht entschlossener für meine eigene Selbständigkeit gekämpft hatte. „Wir hätten uns mehr streiten sollen, ich hätte zumindest auf einer Teilzeitarbeit für mich bestehen müssen“, dachte ich, doch ich wusste, dass Paul Konfrontationen und Beziehungsgespräche jeglicher Art hasste und jedes Mal ausgewichen oder davongelaufen war. Zu jener Zeit war es noch üblich, dass man Eheprobleme gegen aussen tunlichst versteckte und überspielte. Niemand hatte gewusst, wie es bei uns aussah, nicht einmal meine Familie und schon gar nicht meine Freundinnen.

Es war absolut nicht so, dass ich Paul allein die Schuld am Scheitern unserer Ehe gab. Ich hatte mir ebenfalls keine Mühe mehr gegeben und mich mit Dingen abgefunden, die man nicht anstehen lassen darf, wenn eine Beziehung Zukunft haben soll. Genau genommen hatte ich, mit meinen Malstunden und dem verheimlichten Geld, ebenso ein Doppelleben geführt wie er.

Die Schwangerschaft änderte meine Einstellungen von Grund auf. Als es Tag wurde, versprach ich meinem ungeborenen Kind, dass ich in Zukunft kompromisslos zu mir, zu uns zwei, stehen würde. Leider würde ich von Paul finanzielle Hilfe verlangen müssen, zumindest für die ersten Jahre. Ich hätte es so gern allein geschafft, doch wie, ohne eigenes Geld? Nie wieder, so schwor ich mir und meinem ungeborenen Kind, während es draussen langsam hell wurde; nie wieder würde ich mich in eine solche finanzielle Abhängigkeit begeben.

Sobald am nächsten Morgen die schlimmste Übelkeit nachgelassen hatte, holte ich Geld in meinem Atelier und ging zu einem Coiffeursalon, an dessen Türe ich das Schild „Ohne Voranmeldung“ bemerkt hatte. Ein junger Mann bediente mich. Er fasste mit beiden Händen in meine langen Haare, hob sie vom Gesicht weg und drehte die Locken um seine Finger. Ich hatte eigentlich schönes Haar, damals noch aschblond, doch leider war es schon immer fein, fisselig und schlecht frisierbar gewesen. „Du könntest sowieso erst am Nachmittag arbeiten“, scherzte Paul jeweils, „schliesslich brauchst du den Vormittag für deine Frisur.“ Und doch liebte er meine langen Haare so sehr, dass ich es jeweils kaum wagte, auch nur die Spitzen schneiden zu lassen. „Was kann ich heute für Sie tun?“ fragte der junge Haarkünstler. Ich holte tief Luft und sagte mit fester Stimme: „Schneiden bitte. Ganz kurz.“ Er schaute mich erstaunt an. „Sind Sie sicher?“ Ich nickte, hielt jedoch die Augen geschlossen als er, nach nochmaliger Rückfrage, die Schere ansetzte. Er hatte mir ein Frisurenmagazin angeboten, damit ich einen Haarschnitt aussuchen könne, doch ich hatte versichert, ich überlasse es ganz ihm. „Ich möchte stark und selbstbewusst aussehen“, war alles, was ich ihm als Instruktion gab und er hatte genickt.

Nun, ich sah zumindest sehr verändert aus. Am Anfang erschrak ich jedes Mal, wenn ich mich zufällig in einem Schaufenster oder Spiegel entdeckte. Da ich klein bin, hatte ich mit den langen Haaren eher püppchenhaft ausgesehen. Nun wirkte ich ganz anders, jungenhaft, fast androgyn. „Gut, zumindest dies wird sich ändern“, dachte ich amüsiert und versuchte, meinen Bauch weit heraus zu strecken. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie ich mein Leben jetzt auf die Reihe kriegen sollte, doch ich versprach dem Winzling in mir, dass ich es schaffen würde und dass es ihm an nichts fehlen sollte.

Ich sah Paul erst am Tag der Scheidung wieder. Er hatte mich kaum erkannt mit der neuen Frisur, starrte mich an und öffnete und schloss seinen Mund ein paar Mal, bevor er offenbar entschied, gar nichts zu sagen.  Seine Freundin war bei ihm und wartete später im Korridor. Wir zwei würdigten uns keines Blickes. Paul trat sehr selbstbewusst auf. „Nur damit du es weisst“, zischte er mir zu, als wir vor dem Zimmer warten mussten, „wenn dies hier vorüber ist, gehe ich mit ihr auf eine Weltreise. Ich lege ein Sabbatical Jahr ein. Falls du Unterhaltszahlungen erwartest, kannst du ja versuchen, mich zu betreiben. Wenn du mich findest, heisst das. Geh besser gleich arbeiten, das wolltest du doch schon immer.“ Nun kam mein Moment. Den hatte ich mir trotz aller Selbstkritik verdient. „Ach weisst du“, sagte ich harmlos lächelnd, „ zumindest die Kinderalimente bekomme ich von der Gemeinde bevorschusst. Die haben ihre Wege, das Geld von dir zurück zu fordern, da muss ich mir überhaupt keine  Gedanken machen. Sehen wir also zu, dass diese Abfindung schön grosszügig ausfällt. Vielleicht überlegst du dir eine Einmalzahlung, damit du ohne Schulden auf deine Weltreise gehen kannst?“ Er rollte mit den Augen, schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf. „Kinderalimente?! Guter Versuch. Du schreckst wohl vor nichts zurück. Willst du etwa eine Schwangerschaft vortäuschen? Und was machst du in ein paar Monaten, willst du dann ein Kind vortäuschen? Oder stiehlst du eines? Was sind deine Pläne?! Da hast du wohl etwas nicht bis zum Ende durchgedacht.“ Genau in dem Moment wurden wir in den Raum gerufen. Ich ging vor Paul durch die Türe und schwenkte noch kurz ein Couvert vor seiner Nase. „Arzt Attest“, sagte ich kurz. Er packte mich am Arm und sah nun gar nicht mehr selbstsicher, sondern richtiggehend erschüttert aus. „Willst du mir etwa ein Kind unterschieben? Bist du wirklich schwanger? Von wem?“ Ich schaute ihm in die Augen. „Du darfst jederzeit gern einen Vaterschaftstest machen“, sagte ich knapp, „ auf deine Kosten natürlich.“

Daraufhin wurden wir schnell und ohne grosse Diskussionen geschieden. Paul war bleich und ruhig geworden. Im Jahr 1990 musste man als Kläger oder Klägerin noch Gründe für den Scheidungswunsch angeben und sozusagen öffentlich schmutzige Wäsche waschen, damit der „schuldige“ und der „unschuldige“ Ehepartner ermittelt werden konnte. Als ich nach meinen Gründen gefragt wurde, sagte ich: „Unüberbrückbare Differenzen“ und schaute Paul dabei unverwandt an. Er verstand, was ich ihm wortlos sagen wollte, nämlich: „Sag ja zu grosszügigen Alimenten und mach‘ mir keine Schwierigkeiten, dann lasse ich die Fotos von meinem blauen Auge in der Tasche und die Freundin bleibt unerwähnt.“ Er senkte seinen Blick und stimmte mehr oder weniger jedem Vorschlag des Richters zu. Als die Verhandlung fertig war, ging er schnell aus dem Zimmer, legte den Arm um seine Freundin und verliess mit ihr das Gebäude, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich ging langsam hinterher, strich über die noch kaum fühlbare Wölbung meines Bauches und flüsterte: „Das haben wir nicht schlecht hingekriegt, mein Kleines.“

Ein paar Monate später brachte ich einen wunderschönen kleinen Jungen mit ernstem Engelsgesichtchen zur Welt. Ich nannte ihn Cedric, ein Name, den Paul verabscheut hätte. Er hatte sich immer einen Paul Junior gewünscht, das war so Tradition in seiner Familie und hätte garantiert zu viel Streit geführt, hätten wir während der Ehe einen Sohn gehabt. Timo war jedoch nicht der einzige, der  einen Wunschnamen, in seinem Fall für Buddy, in einem Kinderbuch gefunden hatte. Mir hatte die Hauptfigur in „Der kleine Lord“, Cedric Fauntleroy, immer riesig Eindruck gemacht. Als Kind wünschte ich ihn mir sehnlichst als Bruder. Der Name gefällt mir heute noch und ein anderer wollte mir partout nicht in den Sinn kommen.

Mein Sohn ist mein Licht, mein Leben, mein Stern; doch nicht einmal ich hätte ihn früher je „Sonnenschein“ genannt. Er war ein kluges Kind, genauer gesagt, ein ziemlich altkluges. Man konnte wunderbar mit ihm diskutieren und früh schon philosophieren. Er wälzte bereits als kleiner Junge wichtige Gedanken in seinem Kopf und schaute oft ernsthaft und nachdenklich in die Welt. Ich fand ihn bezaubernd. Doch wenn ich die anderen Kinder beobachtete, wie sie spielten und tobten, lachten und Blödsinn machten, war mir klar, dass mein kleiner Ceddie viel zu ernst war für sein Alter. Es war nicht mal so, dass ihn die  Kinder nicht gemocht hätten, er wurde weder gehänselt noch gemobbt. Die andern schauten im Gegenteil eher zu ihm hoch. Dennoch gehörte er nie richtig dazu.

Ich versuchte oft, etwas Spass und Freude in unser Leben zu tragen, doch mein Sohn war nur schwer zum Lachen zu bringen. Spontane Heiterkeit erlebte ich bei ihm selten. Die erfolglosen Versuche machten mich müde, vor allem, als ich nach den Babyjahren eine Teilzeitstelle angenommen hatte. Sein höfliches, distanziertes Lächeln, wenn ich versucht hatte, lustig oder gar albern zu sein, beleidigte mich und machte mich traurig. Eine alleinerziehende Mutter zu sein war ohnehin viel, viel schwieriger, als ich es mir ausgemalt hatte. Ohne die Hilfe meiner Familie hätte ich es nicht geschafft. Auch wenn ich zumindest am Anfang keine finanziellen Schwierigkeiten hatte, hätte ich alles darum gegeben, die unvermeidlichen Ängste und Sorgen spontan mit jemandem teilen zu können. Oder sich in durchwachten Nächten, wenn Ceddie zahnte oder krank war, abwechseln zu können. Auch die vielen schönen Momente hätte ein anwesender, stolzer Vater bestimmt noch schöner gemacht, oder so dachte ich zumindest manchmal sehnsüchtig. Nicht dass ich die Scheidung je bereut hätte. Paul hatte kommentarlos seine Unterhaltszahlungen geleistet bevor er auf Weltreise ging. Seither hatten wir keinen Kontakt mehr.

Wenigstens konnte ich meiner Mutter und den Schwestern von Cedrics Besessenheit von Architektur, Häusern und Bauten erzählen. Während seine Kollegen Fussball spielten, streifte mein Sohn durch die Stadt und bewunderte alte Gebäude. Von klein auf zeichnete er fantasievolle Pläne für neue Städte und Gartenanlagen. Als er in die Pubertät kam, lag er mir monatelang in den Ohren wegen eines Computers, die damals noch nicht so selbstverständlich zu jedem Haushalt gehörten wie heute. Schliesslich legten wir alle zusammen und schenkten ihm einen auf Weihnachten. Für einmal sah ich Cedrics Augen leuchten, er tanzte sogar vor Freude. Dann setzte er sich vor die Kiste und, so scheint es mir rückblickend, bewegte sich kaum mehr davon weg in den nächsten Jahren. Wenn ich mit ihm reden wollte, liess er mich immer spüren, dass ich ihn gerade bei etwas sehr Wichtigem störte. Natürlich hing dies auch mit seinem Alter zusammen. Doch mich erschreckte es bis aufs Mark. Hatte ich früher neben meinem Mann her gelebt ohne richtige Gespräche, lebte ich jetzt auf die gleiche Art neben unserem Sohn her.

Fast über Nacht war Cedric in die Höhe geschossen, er, der immer der Kleinste und Dünnste seiner Klasse gewesen war. Noch mit 10 Jahren hatte er mir sehr geglichen mit seinem zarten Körperbau, den aschblonden Haaren und den grauen Augen. Nun wurde er immer mehr zum Abbild seines Vaters, was mich sehr irritierte. Seine Haare und sogar seine Haut wurden dunkler. Sein Gesicht bekam einen härteren Ausdruck, die Augen verloren die kindliche Arglosigkeit und schauten jetzt oft misstrauisch in die Welt.

Es hatte niemanden überrascht, dass Cedric Hochbauzeichner werden wollte. Er ging auf in seinem Beruf, doch privat wurde er immer mehr zum Eigenbrötler. Ich hatte den Zugang zu ihm verloren. Die Tatsache, dass ich mich mit Computern nicht auskannte, machte mich in seinen Augen zur ungeeigneten Gesprächspartnerin. Natürlich war ich froh, dass mein Sohn sich nicht herumtrieb, keine Drogen nahm und offenbar keinen Alkohol trank, dennoch machte ich mir Sorgen um ihn. Meine ältere Schwester hatte vorsichtig angedeutet, dass Cedric homosexuell sein könnte, da er offenbar auch kein Interesse am Ausgehen mit Mädchen zeigte. Zwar kamen wirklich ab und zu Kollegen auf Besuch, doch die Zimmertür stand immer offen und die intensiven Diskussionen drehten sich offenbar stets um Computerprobleme. „Alles Nerds“, hatte  Anja schulterzuckend gesagt und ich hatte mich nicht getraut zu fragen, was sie damit meinte.

Meine Arbeit in einem Laden für Zeichenbedarf machte mir Spass. Doch durch die langen Stunden und das viele Stehen war ich oft sehr müde. Ich verstaute meine eigenen Malsachen auf dem Estrich. Wenn ich den ganzen Tag lang über Stifte, Farben und Papier geredet hatte, wollte ich wenigstens am Abend an etwas anderes denken. Gern hätte ich Cedric von meinem Arbeitstag erzählt, von unserem cholerischen Chef zum Beispiel und der Zeichensprache, die wir Mitarbeiterinnen untereinander benutzten, um uns gefahrlos austauschen zu können. Doch Cedric hatte sich unterdessen ein Handy gekauft und war ständig damit beschäftigt. Als ich dies bei Tisch verbot, ass er trotzig, ohne ein Wort zu sprechen und ohne einmal den Blick vom Teller zu heben. Ich schob solche Vorkommnisse noch auf die Pubertät, als Cedric, genau betrachtet, längst aus diesem Alter heraus war. Vielleicht sagte ich es mir aus Selbstschutz. Nach Abschluss der Lehre blieb er, wohl aus Bequemlichkeit, weiterhin bei mir wohnen. Ich wollte ihn nicht wegschicken, obwohl er unterdessen ganz gut verdiente. Doch als mir eines Tages ein bitterer Zug um seinen Mund auffiel, sank mein Herz.

Ich hatte nicht nur Pauls kalte, distanzierte Art noch gut in Erinnerung, sondern auch seine wundersame und plötzliche Veränderung später. Als Cedric 23 Jahre alt wurde, passierte dasselbe über Nacht bei ihm. Ich erkannte die Anzeichen sofort wieder. Entspannte Gesichtszüge, häufiges Lächeln, selbst längere Gespräche waren wieder möglich. Am Anfang hielt ich jedes Mal die Luft an, wenn ich ihn heimkommen hörte, und atmete auf, wenn er immer noch gut gelaunt war. „Es hält, was immer es ist“, jubelte ich innerlich. Eines Abends, ich war gerade beim Kochen, fing mein Sohn doch tatsächlich an zu pfeifen, während er aus eigenem Antrieb den Tisch deckte. Ich fasste Mut.  „Und wann stellst du mir deine Freundin vor?“ fragte ich, ohne ihn anzusehen. Das Spaghetti Wasser benötigte genau in diesem Moment zwingend Beobachtung. Erst blieb es ruhig im Raum. Ich bereute mein Vorpreschen bereits, als Cedric zu lachen begann. „Ich weiss nicht, wie Mütter das machen. Ist dies die berühmte weibliche Intuition? Gut, ich bringe sie am Wochenende mit nach Hause, damit ihr euch kennen lernen könnt.“

So trat Angelita in mein Leben. Eine grosse, fröhliche, laute und liebevolle Italienerin mit langem, lockigem Haar, die für ein Jahr als Austauschstudentin in Zürich war. Unsere Wohnung füllte sich schlagartig mit Lachen und mit Leben. Da Angelita in einem kargen Studentenzimmer wohnte, war sie bald fast nur noch bei uns. Cedric und ich liebten sie gleichermassen. Sie brachte alles mit, was uns beiden gefehlt hatte. Mit ihr war es einfach, fröhlich und übermütig zu sein. Ich nannte sie Engel und sie mich Mamita. Mit Angelita im Haus war es unmöglich, trüben Gedanken nachzuhängen. Wenn ich müde heimkam, drehte sie die Musik auf und wirbelte mich durch die Zimmer. Sie war mein Sonnenschein, meine Wahltochter, meine Freundin. Wir gingen zusammen einkaufen und kochten zusammen. Wir machten uns gegenseitig die Haare und die Nägel. Angelita hinterliess überall kleine Zettel für Cedric und für mich. So klebte zum Beispiel ein Post- it mit  „Ciao Mamita, hab‘ schönen Tag“, am Badezimmerspiegel, oder eines mit „Gute Nacht, sogni d’oro“ auf meinem Kopfkissen. Einmal öffnete ich die Zuckerdose und da lag ein kleines Kärtchen obenauf: „Du bist so süss wie Zucker, Mamita.“

Es war die glücklichste Zeit meines Lebens. Cedric war aufgeblüht, ich erkannte meinen Sohn nicht wieder. Hätte ich Angelita nicht so sehr geliebt, wäre ich vielleicht ein wenig eifersüchtig oder verletzt gewesen beim Gedanken, dass alles, was ich versucht hatte, um ihn glücklich zu machen, mehr oder weniger an ihm abgeprallt war. Doch so freute ich mich, dass ich seine liebevolle, entspannte Seite überhaupt erleben durfte und war Angelita sehr dankbar. Ich dachte an Paul und das strahlende Lächeln, mit dem er damals die Freundin begrüsst hatte im Restaurant. Doch diese Wunde war verheilt und schmerzte nicht mehr wirklich.

Es dauerte nur ein paar Monate und Angelita war schwanger. Sie konnte es nicht lange geheim halten, denn sie musste sich von Anfang an sehr häufig übergeben. Ich war bestürzt. Hätte ich mit diesen jungen Erwachsenen etwa noch über Verhütung sprechen müssen?! Doch beide versicherten mir, dass sie sich Kinder gewünscht hätten, allerdings sei es ein bisschen früher passiert als geplant. „Ich will viele Kinder, wie meine Schwestern und Cousinen“, versicherte Angelita, obwohl die Schwangerschaft sie sehr mitnahm. Sie konnte nicht mehr zur Schule gehen. Das Erbrechen hörte nicht auf und wurde schliesslich unstillbar. Angelita musste ein paar Tage im Spital bleiben und bekam Infusionen. Wie ich nach und nach hörte, lag nicht nur der Wunsch nach vielen Kindern in ihrer Familie, sondern auch die Tendenz zu schwierigen Schwangerschaften.

„Meine Mama kennt sich mit jeder Komplikation aus, das ist doch gut für mich und das Baby“, sagte mein Engel drei Tage später am Telefon. „Bitte Mamita, sei nicht traurig. Komm uns ganz oft besuchen.“ Da war sie bereits unterwegs nach Rom mit ihrer Mutter, die kurzerhand beschlossen hatte, ihre Tochter nach Hause zu holen. Ich wusste, dass dies das Beste war für Angelita und gönnte ihr die Pflege und Aufmerksamkeit von ihrer grossen Familie, doch ich vermisste sie so sehr. Cedric liess sich intern versetzen und bekam Aufgaben, die er grösstenteils übers Internet erledigen konnte. Bald reiste er ebenfalls nach Italien. „Mein Kind soll auf gar keinen Fall ohne Vater aufwachsen wie ich“, sagte er, wahrscheinlich ohne mich bewusst verletzen zu wollen. Wenn ich nun abends nach Hause kam, setzte ich mich meistens aufs Sofa und lauschte ungläubig der Stille. Es war alles so schnell gegangen. Ich fand weiterhin kleine Zettelchen, die Angelita für mich versteckt hatte. Im Bad lagen noch ihre Haarspangen. Ich glaubte, überall ihr Parfum zu riechen. Natürlich vermisste ich auch meinen Sohn, der in letzter Zeit so zugänglich gewesen war. Beide fehlten mir sehr. Doch wenn ich allzu traurig wurde, bekam ich umgehend ein schlechtes Gewissen. Ich wollte ja das Beste für die kleine Familie und dies war sicher die optimale Lösung.

7 Monate später kam Sofia zur Welt. Sie war gesund und, wie ich auf den Fotos sehen konnte, wunderschön. Angelita war dünn geworden im Gesicht, doch sie strahlte. „Alles gut gegangen, Mamita“, sagte sie am Telefon, „komm uns bald besuchen!“ Zwei Monate später flog ich nach Rom. Vorher hatte ich keinen Urlaub bekommen im Geschäft. Es war Sommerferienzeit und alle Kolleginnen mit Schulkindern hatten Priorität. Nach der Kälte der Flugzeug  Klimaanlage  erschlug mich die Hitze in Italien fast. Cedric holte mich mit dem Familienauto ab.  Er war braun geworden und sprach recht gut italienisch. Ich staunte, wie sicher und ruhig er durch diese Riesenstadt fuhr, trotz Stau, dichtestem Verkehr und viel Huperei. Es schien mir alles sehr laut hier.

Die Castanos wohnten in einem grossen, malerischen, wenn auch leicht herunter gekommenen Haus mit riesigem Garten. Ich weiss bis heute nicht, wie viele Personen dort eigentlich lebten. Jedenfalls viele! Und wer nicht dort wohnte, kam täglich zu Besuch. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, fröhlich, laut, chaotisch. Wir verbrachten viele Stunden am Esstisch, die Mama trug Gang um Gang auf. Leider verstand ich nur wenig Italienisch. Angelita und Cedric gaben sich Mühe, deutsch mit mir zu sprechen, doch im allgemeinen grossen Palaver vergassen sie es immer wieder und fielen zurück ins Italienische. Alle waren sehr herzlich zu mir, doch mich ermüdeten der Lärm und das viele Reden und Lachen, da ich meistens nichts verstand und nur schweigend daneben sitzen konnte.

Meine kleine Enkeltochter durfte ich kaum einen Moment für mich allein geniessen. Wenn ich sie endlich auf dem Arm hatte, zupfte mich garantiert schon bald jemand aus der grossen Familie am Ärmel: „Posso?“ Und ich konnte nicht einmal erklären, dass ich die Kleine so gern noch etwas länger festhalten wollte. Ich versuchte mir alles einzuprägen: ihren Duft, ihr feines flaumiges Haar, ihr süsses Gesichtchen. Ich war hingerissen von ihr und wollte sie nie mehr loslassen.

Am letzten Abend beobachtete ich das fröhliche Treiben im Esszimmer vom Garten aus. Da wurde viel geneckt und gelacht, die Kinder rannten um den Tisch herum und die Erwachsenen diskutierten lauthals, was für mich immer wie Streiten tönte. Alle halfen irgendwie beim Kochen mit oder standen zumindest im Weg herum. Angelita lehnte mit Sofia im Arm am Türrahmen, Cedric hielt beide liebevoll und beschützend fest. Mama referierte gerade aufgeregt über irgendetwas, gestikulierte wild dazu und schwenkte den Kochlöffel. Sie kleckerte schwungvoll über den ganzen Tisch. Alle lachten.

Da war sie, die Familie, die ich mir immer gewünscht hatte. Nur gehörte ich nicht wirklich dazu.

Ich war bereit gewesen für die Konfrontation mit meinen Erinnerungen, doch nun wurde ich von den widersprüchlichsten Gefühlen überwältigt. Ich packte alles bis auf meine Malsachen wieder in die Kartons. Dann griff ich nochmals hinein und wühlte herum, bis ich es gefunden hatte, das kleine Kärtchen. Ich nahm es mit in die Wohnung und klebte es an den Spiegel im Bad: „Du bist so süss wie Zucker, Mamita.“

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